Elektroauto Chronik eines Irrtums

SUV, elektrisch

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Aktualisiert 1.7.2019

SUV heißt: Sport Utility Car. Die Pseudo-Geländewagen sind weder sportlich noch praktisch. Nur die wenigsten brauchen sie wirklich: wie Forstleute, Gebirgsbewohner und einige wenige mehr. Inzwischen ist jeder dritte Neuwagen in Deutschland ein SUV. Diese verbrauchen jede Menge Kraftstoff – oder in der E-Version jede Menge Strom. Denn genau die Fahrzeug-Kategorie, die schon fossil betrieben am unsinnigsten ist, wird nun elektrifiziert.
Dazu kommt der unglaubliche Rechentrick mit den Super-Credits. Selbst die elektrischen SUV-Boliden werden mit „zero emission“ bewertet und können gegen die fossilen SUVs gegengerechnet werden – mit Faktor 2!
Kleines Rechenbeispiel: Ein fossil betriebener Audi Q5 (Gewicht etwa 1900 kg) emittiert offiziell ungefähr 150 g CO2 pro Kilometer – nach einem äußerst fragwürdigen Messverfahren.
Ein elektrischer Audi e-tron (Gewicht etwa 2400 kg) braucht auf 100 Kilometer offiziell 22,5 kWh. (In der Realität ist der werksseitig angegebene Stromverbrauch ähnlich unrealistisch wie die Verbrauchswerte bei Benzin- und Dieselmodellen.) Er emittiert real beim deutschen Strommix von ca. 500 g CO2 pro kWh: 22,5 x 500 = 11.250 Gramm CO2 auf 100 Kilometer, also 112,5 Gramm CO2 pro Kilometer. Zusammen emittieren Audi Q5 und e-tron real mindestens 262,5 Gramm CO2 pro Kilometer.
Der e-tron wird aber als Elektrofahrzeug mit 0 Gramm CO2 bewertet. Dazu kommt der Super-Credit-Faktor 2 für Elektrofahrzeuge ab dem Jahr 2020.
Die Rechnung zugunsten der deutschen Autoindustrie geht so: 1 Null-Emissions-Pkw Audi e-tron x Super-Credit-Faktor 2 plus 1 Audi Q5 macht drei Fahrzeuge mit insgesamt 150 Gramm CO2. Das ergibt dann für den Audi Q5 nicht 150 Gramm, sondern 50 Gramm CO2!
Und dieses Rechenkunststück wird dann auf den gesamten Flottenverbrauch des jeweiligen deutschen Autokonzerns übertragen.
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Porsches Mission. Projektleiter Stefan Weckbach betont den Rasercharakter des Porsche Mission E: „Nachhaltigkeit, die eigentliche Kernidee von Elektromobilen, dürfte dabei allerdings nur eine Nebenrolle spielen. Nur, weil er künftig elektrisch angetrieben wird und deshalb lokal emissionsfrei ist, wird ein Porsche nicht automatisch vernünftig. ‚Egal ob Benziner oder E-Motor, ob Sportwagen, SUV oder wie beim Mission E eine Coupélimousine – wir wollen immer das fahrdynamischste, agilste und sportlichste Auto im Segment anbieten‘, beschwört Weckbach den Wertekanon der alten Autowelt. Damit liegt Porsche im Übrigen ganz auf einer Linie mit dem Unternehmen, das man mit der ‚Mission E‘ angreifen will: dem vermeintlichen Erneuerer Tesla: Auch die Amerikaner predigen schließlich weder Verzicht noch Zurückhaltung bei den Fahrleistungen. Und die Kunden, die in dieser Preisklasse kaufen, ticken entsprechend.“1

Der Porsche Mission E bestimmt die Lade-Leistung. „Beim Schnellladen spielen neben der Leistung der Ladesäule das Bordnetz des Autos und die Batterie eine entscheidende Rolle. ‚Diese Faktoren limitieren die Ladezeit, sagt Frank Mühlon, globaler Leiter für Elektroauto-Ladesysteme beim Schweizer Elektrokonzern ABB. (…) Alle heute erhältlichen Elektroautos arbeiten mit einer Batteriespannung von 400 Volt. Das reicht für die neuen Schnellladenetze nicht aus. ‚Um mit 350 Kilowatt zu laden, brauche ich 800 Volt‘, erklärt Mühlon. Leistung besteht immer aus Spannung und Strom. Sprich: Hat ein Auto die doppelte Batteriespannung, kann es auch doppelt so viel Leistung aufnehmen – und somit schneller laden. Doch der Umstieg auf 800 Volt erfordert aufwendigere Komponenten und eine andere Absicherung im Auto, was die Technik derzeit noch teuer macht. Das erste Elektroauto mit einer 800-Volt-Batterie wird der Porsche Mission E sein, der 2019 auf den Markt kommen soll. Vorher wird also keiner die vollen 350 Kilowatt an der Ionity-Station abrufen können. Da kurze Ladezeiten vom Kunden ausdrücklich gewünscht sind und die entsprechende Infrastruktur im Aufbau ist, werden künftige Elektroautos zunehmend auf 800 Volt setzen.“2

Gekühlte Ladekabel. Und falls dann der als „Tesla-Killer“ apostrophierte Porsche Mission E (aktueller Name: Porsche Taycan) mit 800 Volt und 350 kW geladen wird, ergibt sich das nächste Problem: „Die hohe Stromstärke lässt nicht nur die Batterie heiß werden, sondern auch das Kabel. Den Ingenieuren bleiben dann zwei Möglichkeiten: Entweder das Kabel dicker machen (was es aber zu schwer und sperrig macht) oder eine Kühlung – wofür sich die Techniker entschieden haben. Das fest mit der Ladestation verbundene gekühlte Kabel gleicht – überspitzt formuliert – einem Wasserschlauch, durch den das gut isolierte Stromkabel geführt wird. „‚Es reicht nicht aus, Kabel und Steckverbindung mit Wasser zu umspülen‘, sagt ABB-Entwickler Mühlon. Die fest mit der Ladestation verbundenen gekühlten Kabel sind – überspitzt formuliert – ein Wasserschlauch, durch den das gut isolierte Stromkabel geführt wird. ‚Dazu benötigt die Ladestation noch einen Kühler, der bei Wind und Wetter funktionieren muss. Kühlung und Pumpe müssen auch intelligent gesteuert werden, da das Kühlmittel nicht immer dieselbe Temperatur hat‘.“2

Die Perspektive: Laden mit einem Megawatt. Stefan Niemand, verantwortlich bei Audi für Elektrifizierung: „Sie mögen heute noch darüber lachen, aber wir werden übermorgen mit einem Megawatt laden.“ [Wüst, Christian, Revolutionäre Zellen, in Der Spiegel 8/18.2.2017]

Mercedes EQC. Die Ingenieure „verbauten etwas mehr als 70 kWh Kapazität (Audi e-tron: 90 kWh) im Wagenboden und sprechen von ‚400 plus‘ Kilometern, die der 2,4 Tonnen schwere SUV nach dem neuen Testzyklus WLTP schaffen wird. (…) Wer beispielsweise spät abends mit leerer Batterie nach Hause kommt und am nächsten Morgen auf längere Tour muss, im Keller aber nur die normale 16-A-Schuko-Steckdose als Energiequelle hat, kann seinen Plan vergessen. Mehr als 25 kWh gehen in acht Stunden Ladezeit dann nicht hinein, was gerade einmal für rund 120 Kilometer Fahrstrecke reicht. Maximal lässt sich der EQC an einer Gleichstrom-Schnellladesäule mit 115 kW befüllen.“3

2400 Kilogramm elektrisch beschleunigen: „Nach mitgezählten fünf Sekunden schießt der EQC auf Tempo 100, presst die Insassen in die Sitze wie bei einem Flugzeugstart. Weitaus faszinierender sind die Zwischensprints, bei denen selbst aufgemotzte Tuning-SUVs das Nachsehen haben dürften. Überholvorgänge werden zu Angelegenheiten von Sekunden.“3
Der Elektro-SUV EQC wiegt 2425 Kilogramm und soll 2019 mit einem Elektroantrieb von 300 kW ausgeliefert werden. Daimler plant schon jetzt eine 400-kW-starke Variante des EQC von der hausinternen Tuner-Abteilung AMG.4

„Rennstreckentauglich“. Der Porsche Taycan erhält als erstes elektrisches Serienauto eine 800-Volt-Batterie. Diese ermöglicht eine Beschleunigung von Null auf 100 km/h in 3,5 Sekunden mit 500 km Reichweite. Gregor Michna, der Planungsleiter der E-Motoren-Fertigung von Porsche: „Der Wagen ist absolut rennstreckentauglich.“5
Fragt sich nur, wie viele Minuten.

Elektrische SUV-Flut.  Mercedes will seinen E-SUV EQC in China verkaufen, BMW bringt den E-SUV Vision iNext. Und VW stellte bei der „SUV Night“ der Shanghai Auto Show den fast fünf Meter langen ID.Roomzz vor. Er wird in China produziert. VW-Marketingvorstand Jürgen Stackmann: „Er ist die Spitze des Eisbergs für die Zukunft.“6
Wenn der Eisberg nur nicht vorher abschmilzt!

Volkswagen AG elektrisch? Die Priorität der Elektromobilität im VW-Konzern sieht in der Wirklichkeit etwas anders aus: fossil angetriebene SUVs. Gerade hat sich die VW-Tochter Bentley den fragwürdigen Titel  „schnellster SUV der Welt“ von der VW-Tochter Lamborghini zurückerobert. Und das geht so: Der Bentley Bentayga (2,5 Tonnen schwer, Sechs-Liter-Motor mit zwölf Zylindern) fährt 301 km/h. Dann kommt der Lamborghini Urus mit 478 kW (650 PS) und fährt 305 km/h. Nun kommt der weiter aufgemotzte Bentley Bentagaya Speed (467 kW (635 PS) für 235.000 Euro und fährt 306 km/h. Die zusätzlichen 5 Kilometer pro Stunde lässt sich Bentley mit 20.000 Euro bezahlen.7
Ein Irrwitz in Zeiten von Klimakatastrophe, Artensterben, Ressourcenverknappung … Da zeigt es die ältere Fossil-Generation der Friday-for-Future-Bewegung, wo es wirklich lang geht. Der totale Irrsinn: und demnächst elektrisch.

Elektrische SUV-Parade. Aston Martin: Lagonda Crosstrail (rein elektrisch, 2022); Bentley Bentayga mit Elektro-Option (2023); BMW X8 (PHEV-Version, 2022); Audi Q6 e-tron, Q6 e-tron Sportback (2023), Q7 e-tronQ8 e-tron; Mercedes EQC, EQE, EQS (ab 2021).8
Fazit von Georg Kacher in der SZ: „Während der hohe Kaufpreis kaum Einfluss auf die Außenwirkung hat, schlägt der hohe Energieverbrauch voll ins Kontor – egal, ob auf der Autobahn 30 Liter Super oder 35 Kilowattstunden Strom verschwendet werden.“8

Jaguar SUV mit 30 kWh auf 100 Kilometer. Der Elektro-Geländewagen von Jaguar, der iPace, hat eine Akku-Ladung von 90 kWh. Damit kam er im SZ-Fahrtest etwa 300 Kilometer weit: das entspricht einem Verbrauch von etwa 30 kWh auf 100 Kilometer.9
Umgerechnet mit rund 500 Gramm CO2 pro kWh im derzeitigen deutschen Strommix ergibt sich eine CO2-Belastung von 150 Gramm auf einen Kilometer. Von wegen CO2-frei!

Porsche Taycan: Verbrauch bis zu 50 kWh und mehr. Porsche-Projektleiter Stefan Weckbach gibt sich begeistert: „Unser Credo ist null Prozent Verlust, 100 Prozent dynamische Effizienz.“10 Der fast 150.000 Euro teure Taycan wird ab 2020 ausgeliefert, danach kommt 2021 der Sport Cross (ein Crossover aus Coupé, Combi und SUV). Das Lademonster: bei 800 Volt mit bis zu 250 kW (ab 2021 mit 350 kW) und 250 kWh Ladekapazität. Von Null auf 100 km/h in drei Sekunden, auf 200 km/h unter zehn Sekunden. Der Taycan Turbo wiegt etwa 2100 Kilogramm schafft 260 km/h. Die Reichweite nach WLTP soll zwischen 400 und 600 Kilometer liegen. Im SZ-Test mit flotter Landstraßenfahrt lag der Verbrauch bei den schnelleren Abschnitten bei 50 kWh und mehr. Wenn man dies auf 100 Kilometer umrechnet, wären dies beim deutschen Strommix von rund 500 Gramm CO2 umgerechnet 250 Gramm CO2 pro Kilometer: Da wird die Umwelt nicht entlastet.10
Also der ganze SUV-Wahnsinn: umgepolt von fossil auf elektrisch.

Vgl. auch: Audi e-tron; Mercedes EQC; Porsche Taycan; Tesla Model X; Elektrisch rasen

Fußnoten und Quellen:
  1. Grünweg, Tom, Saurier unter Strom, in spiegel.de 6.3.2018 []
  2. Schaal, Sebastian, Jetzt kommen die Superlader, in wiwo.de 27.4.2018 [] []
  3. Specht, Michael, Ist doch zum Heulen, in spiegel.de 16.6.2018 [] []
  4. Kacher, Georg, Viel Leistung, viel Hitze, in SZ 27.10.2018 []
  5. Heuser, Uwe Jean, Tatje, Claass, Danke, Diesel, in Die Zeit 7.3.2019 []
  6. Kriegel, Matthias, Volt geil! in spiegel.de 3.5.2019 []
  7. Grünweg, Tom, 20.000 Euro für 5 km/h, in spiegel.de 29.5.2019 []
  8. Kacher, Georg, Von wegen Verkehrswende, in SZ 15.6.2019 [] []
  9. Becker, Joachim, Umparken im Kopf, in SZ 15.6.2019 []
  10. Kacher, Georg, E-Auto der Extreme, in SZ 22.6.2019 [] []
von wz
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