Elektroauto Chronik eines Irrtums

Kagermann, Henning

K

Aktualisiert 30.6.2019

Henning Kagermann ist „der Mann dahinter“. Er war von 1991 bis 2009 Vorstandschef von SAP, dann der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech. Am 3.5.2010 übernahm Kagermann die Leitung der Nationalen Plattform Elektromobilität, welche die Entwicklung der Elektromobilität in Deutschland koordinieren soll. „Auf schnelle Erfolge beim Elektroauto schielt auch die Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel, die die Dinge ebenfalls gerne vom Ergebnis her durchdenkt. Und so darf es als harmonische Fügung betrachtet werden, dass der in dieser Hinsicht mental ähnlich gestrickte Physikprofessor Kagermann das Steuer beim Lenkungsausschuss in die Hand gedrückt bekommt.“1

Die Besetzung: „Vorsitzender des nationalen Lenkungsausschusses für Elektromobilität, der künftig als zentraler Ansprechpartner für die Regierung zur Verfügung steht, wird Ex-SAP-Chef Henning Kagermann. Kagermann ist zurzeit Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech und bereits Berater der Bundesregierung. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung sollen der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber und der Präsident des Automobilverbandes VDA, Matthias Wissmann, als Koordinatoren zwischen Politik und Industrie fungieren. ‚Die Einbeziehung der Arbeitnehmerseite geht auf besonderen Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel zurück‘, heißt es dazu.“2

Januar 2016: Kagermann macht Druck. In Deutschland waren 2015 30.000 E-Autos gemeldet – weit entfernt von der bis 2020 angestrebten eine Million. Deshalb forciert das  Bundeskanzleramt ein neues Förderprogramm. Mitte Januar 2016 trafen sich deshalb Staatssekretäre aus dem Verkehrs-, dem Wirtschafts-, Umwelt- und Finanzministerium im Kanzleramt. „Angestoßen hat die neue Bewegung offenbar heftige Kritik aus den Reihen der Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE), eines Beratungsgremiums der Bundesregierung, in dem Industrie, Wissenschaft, Politik, Gewerkschaften und Verbände gebündelt sind. In Telefonaten, unter anderem mit Kanzlerin Merkel, soll der NPE-Vorsitzende Henning Kagermann im Dezember ultimativ auf die versprochene Förderung gedrängt haben. (…) Die empfohlenen Maßnahmen wie Kaufprämien für Elektroautos, eine Elektroauto-Quote, steuerliche Abschreibungsvorteile und ein weiterer Ausbau der Ladepunkte kosten viel Geld. Der Plan sieht einen Finanzbedarf von deutlich mehr als zwei Milliarden Euro für die kommenden Jahre vor. Die Finanzierung der Maßnahmen ist bisher völlig offen.“3

Im Spiegel-Interview sagte Kagermann zur „eine Million bis 2020“: „Wenn wir im März keine Entscheidung für wirksame Förderanreize bekommen, müssen wir das Ziel kassieren.“ Er forderte staatliche Subventionen: „Im Jahre 2012 war ich auch noch dagegen, aber mittlerweile haben alle anderen Länder, die Autos produzieren, Kaufprämien eingeführt. Deshalb sollten wir Chancengleichheit für die deutsche Industrie wiederherstellen. Die Erfahrung aus diesen Ländern zeigt, dass eine Kaufprämie den Absatz wirksam steigert.“ Kagermann zieht auch die Verbindung zwischen Elektroauto und dem „autonomen Fahren“: „Schließlich hat die Autoindustrie noch einen zweiten Umbruch vor sich, nämlich die Digitalisierung und das autonome Fahren. Die Roboterautos der Zukunft werden mit Elektroantrieb ausgestattet sein. Da wäre es doppelt tragisch, wenn die deutschen Autobauer nicht vorn dabei sind.“ Und schließlich erwähnt Kagermann die Wohn-Infrastruktur: „Das Wohneigentums- und Mietrecht muss auf die Elektromobilität vorbereitet werden. In größeren Mietshäusern müssen Ladepunkte verbindlich vorgeschrieben werden.“ Alle Zitate:4
Und so beginnt das Hauen und Stechen der Immobilienverwalter um die Anschlüsse in den Tiefgaragen: welche die Stadtwerke oft mangels Kapazitäten der Hausanschlüsse gar nicht zur Verfügung stellen können. Und in welche CO2-Bilanz geht diese zusätzliche Infrastruktur ein? In keine, denn sonst stünden E-Autos im Vergleich noch viel schlechter da.
Siehe auch das Stichwort: Immobilien und Ladestationen

Nationale Plattform Zukunft der Mobilität. So langsam kommt man kaum noch hinterher vor lauter Plattformen: Von Nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität (2010) zu Nationale Plattform Elektromobilität zu Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (2018). Das erste Verlässliche: Prof. Henning Kagermann ist immer dabei. Das zweite Verlässliche: Die Elektromobilität soll gefördert werden, koste es, was es wolle.

Wer sitzt in der Plattform Zukunft der Mobilität? Zunächst keine Überraschung: Der Leiter der Plattform Elektromobilität, Henning Kagermann, wird auch die neue Plattform leiten. Am 26.9.2018 soll die Plattform Zukunft der Mobilität mit der Arbeit beginnen. Dort sitzen Vertreter der Ministerien für Verkehr, Wirtschaft, Finanzen, Umwelt und Arbeit und Soziales. Mitglieder sind im Weiteren die Leiter der sechs Arbeitskreise. Den Arbeitskreis für neue Klimaschutzmaßnahmen wird Franz Loogen aus der baden-württembergischen Landesregierung leiten. Die Arbeitsgruppe (AG) für alternative Antriebe leitet die Verkehrsforscherin Barbara Lenz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Die AG für Digitalisierung leitet Klaus Fröhlich, Entwicklungsvorstand von BMW. Die AG zur Zukunft der Arbeitsplätze leitet IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. die AG Ausbau der Infrastruktur für Elektroautos Stefan Kapferer vom BDEW, die AG Standardisierung (zum Beispiel der Bezahlvorgänge des Stromtankens) Frank Stührenberg vom Zulieferer Phoenix Contract.5 Teilnehmende Umweltverbände legten Wert auf die Einhaltung des Klimaziels, die CO2-Emissionen im Verkehr bis 2030 um minus 40 Prozent zu senken.5

Nächster „Autogipfel“ im Kanzleramt. Eingeladen hatte Angela Merkel (CDU) Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Henning Kagermann (Mobilitätsberater der Bundesregierung), Herbert Diess (VW), Ola Källenius (Daimler), Harald Krüger (BMW), Bernhard Mattes (VDA) und Jörg Hofmann (IG Metall). Vertreter von Umwelt- oder Verbraucherverbänden waren wie immer nicht eingeladen. Der Autogipfel fand wie immer hinter verschlossenen Türen statt. Mattes schätzt den Anteil der Elektroautos im Jahr 2030 auf 10,5 Millionen (Anfang 2019 gab es rund 400.000). Scheuer will Kaufprämien für Elektroautos erhöhen, die CDU die Lade-Infrastruktur ausbauen.6 Henning Kagermann soll mit der Bundesregierung bis Ende September 2019 ein Konzept zur Durchsetzung der Elektromobilität entwickeln.

Fußnoten und Quellen:
  1. Deckstein, Dagmar, Profil: Henning Kagermann, in SZ 29.4.2010; Wikipedia []
  2. Fromm, Thomas, Haas, Sibylle, Autokonzerne ringen um Hilfe, in SZ 29.4.2010 []
  3. Balser, Markus, Kanzleramt will E-Mobilität massiv fördern, in SZ 9.1.2016 []
  4. Traufetter, Gerald, „Nie mehr zur Tankstelle“, in Der Spiegel 6/6.2.2016 []
  5. Balser, Markus, Wende auf der Straße, in SZ 19.9.2018 [] []
  6. Autogipfel im Kanzleramt – diese Fragen bewegen die Runde, in manager-magazin.de 24.6.2019 []
von wz
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