Elektroauto Chronik eines Irrtums

Immobilien und Ladestationen

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Aktualisiert 11.9.2019

München – Josephsplatz: Die Infrastruktur ruft. Am Münchner Josephsplatz ist eine neue Tiefgarage für Anwohner geplant. Deshalb gab es im Mai 2010 im Maxvorstädter Bezirksausschuss Debatten über mögliche Ladestationen. „Die Grünen hatten angeregt, schon mit dem Bau der Tiefgarage die Voraussetzungen dafür zu schaffen, später einmal mit Strom betriebene Fahrzeuge am eigenen Stellplatz aufladen zu können. Die Stadt sollte den Bedarf prüfen.“1
Dazu kommen die bestehenden Tiefgaragen und die privaten Tiefgaragen und die öffentlichen Plätze – und überhaupt.

Ladende Neubauten. Die Europäische Kommission will neue Bauvorschriften, um den Ausbau der Elektromobilität zu fördern. In neuen Gebäuden wird eine Auflademöglichkeit für Elektroautos zwingend nötig. Einfamilienhäuser und kleinere Gebäude sollen künftig mindestens eine Vorverkabelung installieren müssen, bei größeren Gebäuden sollen mindestens zehn Prozent der Parkplätze eine feste Ladestation haben.  „Die Kosten beliefen sich laut EU-Kommission auf bis zu 75.000 Euro pro Station. Die Neuregelung solle dem Entwurf zufolge bis zum Jahr 2023 in Kraft treten. Sie gehen aber deutlich über die bislang in Deutschland beschlossenen Maßnahmen hinaus. Betroffen wären Neubauten sowie Sanierungsobjekte. (…) Auch Mieter sollen künftig in ihren Rechten gestärkt werden und entsprechende Anschlüsse verlangen können. Der Ausbau des Ladenetzes gilt als kritischer Punkt für den Ausbau der Elektromobilität.“2
Wie schon des Öfteren erwähnt: Hierdurch würde sich die gesamte Mittelspannungsinfrastruktur ändern.

Der Hausanschluss: Wer ein Elektroauto kaufen möchte, wird auch einen Stromabschluss in eigenen Haus oder der Tiefgarage haben wollen. „Als Riesenhürde gelte auch die Gesetzeslage bei baulichen Veränderungen von Immobilien in Händen von Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG) und von Mietobjekten, wie Gerold Happ erläutert, Mitglied der Bundesgeschäftsführung von Haus und Grund Deutschland. Nur die wenigsten der vielen Millionen Garagenhöfe, Tiefgaragen und Carport-Stellplätze landauf, landab sind mit Steckdosen ausgerüstet. (…) Eigentümer in einer Wohnanlage dürfen nicht auf eigene Faust handeln und selbst einen Umbau in Auftrag geben. Sie sind vom Wohlwollen der Miteigentümer abhängig. Das Verlegen von Stromkabeln oder die Installation einer Ladestation, zum Beispiel in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses oder im gemeinsamen Garagenhof einer Reihenhaussiedlung, bedarf grundsätzlich der Zustimmung der Miteigentümer.“3 Der eigene Hausanschluss scheitert oft auch an den fehlenden Möglichkeiten der Gemeindeversorgung mit Strom: Diese müsste, gerade bei Schnellladestationen, oft eine völlig neue Mittelspannungsversorgung verlegen.

Entschädigung. Der Sprecher des Deutschen Mieterbundes in Berlin, Ulrich Robertz, rät den Stellplatzmietern, die eine Lademöglichkeit wünschen, zu einer schriftlichen Zustimmung des Vermieters und im Fall des Auszugs zu einem Verbleib des Anschlusses, eventuell gegen Entschädigung. „Eigentlich könnten sich Vermieter mithilfe modernisierter Garagen einen Wettbewerbsvorteil am Wohnungsmarkt verschaffen, sind Experten überzeugt. Was die 22 Millionen Mietverhältnisse bundesweit angeht, haben bislang aber nur wenige das erkannt.“3

Blackout in der Tiefgarage? Die Unternehmensberatung Oliver Wyman und Prof. Gunther Friedl vom Lehrstuhl für Controlling der TU München haben in einer Studie das Ladeverhalten der Elektroauto-Fahrer und die Auswirkungen auf die Stromversorgung untersucht.4Fazit: – „Bereits ab einer E-Auto-Quote von 30 Prozent kann es zu flächendeckenden Stromausfällen kommen.“ (S. 5) – Zur Vermeidung von Stromausfällen müssen bei einer Elektrifizierungsrate von 50 Prozent bis  zu elf Milliarden Euro investiert werden. (S. 5) – Eine Lösung sehen die Autoren in der „intelligenten Flexibilisierung der Ladevorgänge“. (S. 5) – Die Ortsnetze sind im Niederspannungsbereich (230 bis 400 Volt) integriert. Ein Ortsnetz versorgt durchschnittlich 120 Haushalte. wenn abends die Elektroauto-Besitzer gleichzeitig ihre Fahrzeige an die Ladestationen anschließen, entsteht eine Spitzenlast. (S, 6) – Mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit wird das Niederspannungsnetz „ab einer Elektromobilitätsquote von 30 Prozent flächendeckend überlastet sein“ (S. 11). – „Bei einer Ortsnetzgröße von 120 Haushalten reichen bereits 36 Elektroautos aus, um das Netz lokal zu überlasten.“ (S. 11) – Da die Ladezeiten bei hohen kW-Anschlussleistungen kurz sind, ist die konkrete Ladedauer kurz: Deshalb setzen die Autoren auf zeitliche Flexibilität der der Ladevorgänge. (S. 11)
Die Autoren geben für die Stromnetze die Höchstspannung mit 220 bis 380 Kilovolt an; für die Hochspannung mit 110 kV; Mittelspannung mit 6 bis 30 kV und Niederspannung wie erwähnt mit 220 bis 400 Volt. Die Ladezeit ist aber nur dann kürzer, wenn nicht mit 230 V oder Wallbox geladen wird, sondern mit Schnellladestationen mit 100 kW bis 350 kW Ladeleistung: Dann muss aber die Ortsverteilung aber völlig anders installiert und ausgelegt werden.
Außerdem ist bei zeitlicher Flexibilität der Ladevorgänge die Mobilität der Elektroautos eingeschränkt. Dazu schreibt Ralph Diermann in der SZ:: Schon heute räumen Netzbetreiber einen Nachlass auf den Strompreis ein, wenn sie die Ladevorgänge selbst steuern dürfen – ein Angebot, das kaum genutzt wird: „Die Autobesitzer geben die Kontrolle über ihre Batterie ab. (…) Stärker noch dürfte aber ins Gewicht fallen, dass der finanzielle Nutzen schlichtweg gering ist. Die Ersparnis durch reduzierte Netzentgelte beläuft sich auf wenige Euro im Jahr – kein Anreiz für jemand, der sich ein Elektroauto leisten kann.“5

Auf dem Weg zur voll elektrifizierten Tiefgarage. Aus der Broschüre von Montana:
Problemfelder: * Mieter/Eigentümer fordern Lademöglichkeiten an den Stellplätzen * Einige Mieter/Eigentümer sind strikt dagegen! * Versorgungsnetze müssen ggf. komplett ertüchtigt werden * Refinanzierung ist heute noch nicht sichergestellt“3
Ladearten: AC-Normalladen < 22 kW; AC-Schnellladen > 22 kW; DC-Schnellladen: > 22 kW
Ladeleistungen: Haushaltssteckdose bis 2,3 kW; Haushaltssteckdose mit Wallbox 3,6 bis 22 kW; Öffentliche Ladesäule 10 bis 22 kW; Öffentliche Schnell-Ladesäulen bis 50 kW; Tesla Supercharger: 120 kW6
Probleme: Viele Elektroanlagen nicht für E-Ladesäulen und PV-Anlagen tauglich; die Einphasen-Haushaltssteckdosen vertragen keinen Dauerbetrieb; Brandgefahr durch thermische Überlastung [2] Gräber, Berrit, Fortschritt verboten, in SZ 10.2.2017]
Vorschlag: Vergabe an einen Ladesäulen-Betreiber (ähnlich Kabelnetzbetreiber)7
Das wird mit Sicherheit teuer!

Infrastruktur lahmt. Mit einer normalen Haushaltssteckdose mit 230 V und der Stromstärke von 10 Ampere kann man nur 2,3 Kilowatt Ladeleistung erreichen. Dabei sind die Steckdose und ihre Versorgungskabel nicht für eine solch hohe Dauerabnahmeausgelegt. Deshalb empfehlen Fachleute eine Wandladestation (Wall Station) mit 16 Ampere und 3,7 kW Ladeleistung: damit kann man in zehn Stunden 37 kW laden.8

EU schreibt vor. Die EU-Kommission schlug im Jahr 2016 vor, dass bei neuen oder grundsanierten Gebäuden mit mehr  als zehn Stellplätzen zehn Prozent der Parkplätze Ladestationen haben müssen. Im April 2018 verlangte nun die EU-Kommission eine Quote von 20 Prozent, dazu die entsprechende Vorverkabelung. „Zudem muss bei Geschäftsgebäuden mindestens ein Ladepunkt installiert und zugänglich gemacht werden.“9
Hierdurch werden die Stadtwerke und Kommunen in Schwierigkeiten kommen, da die gesamten Versorgungsleitungen in den Straßen entsprechend ausgebaut werden müssten. Dazu kommt der Ausbau-Grad: Soll schon prophylaktisch der gesamte Straßenzug – für alle Gebäude – ausgelegt werden, oder in Ausbaustufen? Dazu werden dann auch die jeweiligen übergeordneten Versorgungsleitungen nicht mehr ausreichend ausgelegt sein. Für die Versorgungs-Infrastruktur der Elektroautos müsste die gesamte Mittelversorgungsebene stark ausgebaut werden.

Versorgungsprobleme in Wohngebieten: Dazu kommt das Problem der Gleichzeitigkeit: wenn die Fahrer der Elektroautos nach der Arbeit in die Tiefgaragen rollen und ihr Fahrzeug aufladen möchten. „‚Dieses Problem werden wir lösen‘, kündigte EnBW-Vorstandschef Frank Mastiaux in der vergangen Woche auf der Hauptversammlung in Karlsruhe an. Das heutige Stromnetz sei nicht darauf ausgelegt, dass viele Autos zur gleichen Zeit am gleichen Ort Strom tankten, räumte er ein.“10

Neues E-Auto-Gesetz. Die große Koalition möchte mit rechtlichen Änderungen den Absatz von Elektroautos fördern. Mieter sollen vom Vermieter die Erlaubnis zur Errichtung von Ladestationen verlangen können, und Wohnungseigentümer sollen Ladestationen auch gegen den Willen anderer Eigentümer errichten dürfen. „Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft schätzt, dass 80 Prozent der Ladevorgänge zu Hause stattfinden.“11 Die Nachfrage stagniert: Von den Elektroautos und Plug-in-Hybriden wurden jeweils 17.000 im ersten Halbjahr 2018 zugelassen; insgesamt gibt es 53.000 Elektroautos und 44.000 Plug-in-Hybride in Deutschland. Von den insgesamt 600 Millionen Euro Subventionen für Elektroautos (4000 Euro) und Plug-in-Hybride (300 Euro) wurden bisher rund 100 Millionen Euro beantragt.11

Über 100 vorbereitete Elektro-Stellplätze. München-Obermenzing: Östlich der Lipperheidestraße entstehen 340 Mietwohnungen. Die Hälfte der 203 Tiefgaragen-Stellplätze wird schon beim Bau mit Ladeanschluss für Elektroautos versehen, dazu kommen zehn Schnellladestationen.12

Keine Ladesäulen-Pflicht in Neubauten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier wirbt seit Amtsantritt für Elektromobilität und Ladesäulen. Im neuen Gebäudeenergiegesetz seines Ministeriums fehlt aber eine Verpflichtung, bei Neubauten Ladestationen zu installieren. „Dabei hat die EU die Mitgliedsstaaten dazu verpflichtet, die Einrichtung einer Ladeinfrastruktur bei Neubauten und Renovierungen per Gesetz vorzuschreiben. Dies muss bis zum März 2020 erfolgen, sonst droht ein Vertragsverletzungsverfahren der EU gegen Deutschland.“13 – „Das Ministerium will ‚die Frist der EU nutzen‘, um die Vorgaben in einem anderen Gesetz zu erfüllen. Der Grünenabgeordnete Oliver Krischer vermutet hingegen, die Immobilienlobby könnte Druck ausgeübt haben  und  sagt: ‚Die Bundesregierung verschleppt den Hochlauf der Elektromobilität.'“14
Es dreht sich ja nicht nur um die Infrastruktur in den Tiefgarage oder Hinterhöfen: Die jeweiligen Stadtwerke müssten die Hausanschlüsse mit völlig neuen Zuleitungen bewerkstelligen: eine riesige Kostenlawine droht.

Juristische Situation. Nach Julia Wagner vom Eigentümerverband Haus & Grund Deutschland in Berlin gilt der Einbau von Ladestationen als Modernisierung: Hierfür müssten auf der WEG-Sitzung drei Viertel der Stimmberechtigten und mehr als die Hälfte der Miteigentumsanteile zustimmen. Falls ein Wohnungseigentümer eine Ladestation installieren möchte, hält ein Sprecher des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz in Berlin die Zustimmung aller anderen Eigentümer für notwendig. Laut dem Geschäftsführer des Deutschen Mieterbundes, Ulrich Ropertz, muss der Vermieter keine Ladeinfrastruktur zur Verfügung stellen.15
Ein Problem ist die Überlastung der Zuleitungen. Hier empfehlen Fachleute „intelligente Lastenmanagement-Systeme“. Falls die Anzahl der Ladestationen wächst, kann eine neue Haus-Zuleitung notwendig werden, die ungefähr mit 30.000 Euro anzusetzen ist. [10]
Die Stadtwerke München haben ein besonderes Angebot: sie machen mit der WEG einen Gestattungsvertrag und installieren die Lade-Infrastruktur auf eigene Kosten. Die Nutzer können für 40 bis 50 Euro im Monat eine Ladestation mieten: Das wirtschaftliche Risiko tragen die Stadtwerke. (Bettzieche, Jochen, Wer zuerst kommt, lädt zuerst, in SZ 25.1.2019))
Die Bundesregierung wird das Wohnungseigentumsgesetz im Jahr 2019 novellieren: Es könnte dann sein, dass die Miteigentümer dann Maßnahmen zur Errichtung einer Ladestation dulden müssen. Eine Änderung des BGB soll den Mieter gegenüber den Vermietern die Möglichkeit einräumen, eine Ladestation auf eigene Kosten zu errichten.15

Installation von Stromtankstellen. Als Beispiel bietet die Unterföhringer Firma Heinemann von privaten Stromtankstellen über Fuhrpark-Stationen bis  zur E-Mobility-Infrastruktur alles an. Montiert werden Elektrotankstellen von Mennekes, Wallbe, ABL und Keba. „Städte, Hotels und Unternehmen schätzen die schlüsselfertige Kombination aus Hardware, Software und Services ebenso wie Bauträger, Hausverwalter oder Parkraum-Manager. So wird aus der Ladesäule  eine Verkaufsstelle für Strom inklusive Autorisierungs-, Verwaltungs- und  Abrechnungsmöglichkeiten.“16 Die Stadt München fördert Ladestationen bei Privatkunden mit bis zu 1500 Euro und bei Geschäftskunden bis 9000 Euro.

VW-Betriebsratschef fordert Hausanschlüsse. Bernd Osterloh wünscht sich von der Bundesregierung Ladesäulen und das Abräumen gesetzlicher Hürden zum Bau von Ladesäulen im Baurecht: „Es kann doch nicht sein, dass zum Beispiel eine Eigentümergemeinschaft die Errichtung von Ladepunkten in der Tiefgarage verhindern darf.“17

Gesetzesänderung angekündigt. Im Bericht vom März 2019: Sofortpaket Ladeinfrastruktur 2019 der Arbeitsgruppe 5/Nationale Plattform – Zukunft der Mobilität18 steht auf S. 4: „Um den Ausbau der privaten LIS zu beschleunigen, ist zum einen eine finanzielle Förderung notwendig, wie es sie bereits für die öffentliche LIS gibt. Hierzu zählt ebenfalls die Förderung der LIS am Arbeitsplatz, die als eingeschränkte Nutzergruppe nicht in der öffentlichen Förderung inbegriffen ist. Zum anderen muss die Installation der LIS in Wohneigentümergemeinschaften und Mietimmobilien erleichtert werden. Hierfür sollte möglichst zeitnah das Miet- und Wohneigentumsgesetz im Sinne einer vereinfachten Aufstellung von Ladesäulen angepasst werden.“
Die AG 5 empfiehlt für Beschleunigung und Erhöhung des Ausbaus der privaten LIS vier Maßnahmen: „1. Förderung privater LIS; 2.Reduktion des administrativen Aufwands für gewerbliche Anwendungen und Laden beim Arbeitgeber; 3.Erleichterung der Installation privater LIS in Wohneigentümergemeinschaften und Mietimmobilien; 4.Beschleunigung des Netzzugangs für LIS“. (S. 6) Dazu eine Empfehlung zur Gesetzesänderung: „Das Wohneigentumsgesetz ist um einen Duldungsanspruch von LIS zu erweitern sowie um eine Regelung für die spätere Erweiterung der LIS. Zudem muss die Kostenverteilung klar geregelt sein. [Adressat: BMJV]  * Das Mietrecht ist um eine Zustimmungspflicht des Vermieters bei voller Kostenübernahme für die Installation einer Ladesäule durch die interessierten Mieter anzupassen. [Adressat: BMJV] * Die Möglichkeit zur Leerverrohrung sollte im Gebäudeenergiegesetz (GEG) zeitnah umgesetzt und zeitlich vorgezogen werden.“ [Adressat: BMWi] (S. 8) – Das Know-how in den Bauämtern soll durch Schulungen und Workshops gefördert werden. Die Genehmigungsgrundlagen für LIS sollen für alle Kommunen und Gemeinden vereinheitlicht werden. Außerdem sollen die LIS als „baugenehmigungsfreies Vorhaben“ in die Musterbauordnung und Landesbauordnungen aufgenommen werden. (S. 11)

Grüner Fraktionsvize fordert Ladesäulen in Tiefgaragen. Oliver Krischer forderte Anfang April von Bundesinnenminister Horst Seehofer die Beseitigung bürokratischer Hemmnisse für Ladesäulen in Tiefgargen und Parkplätzen. „Bauminister Seehofer ist bis heute nicht in der Lage, entsprechende EU-Vorgaben umzusetzen, die Mindestzahlen an Ladesäulen auf Parkplätzen vorsehen.“19

Grüne für Änderung von Mietrecht und Wohneigentumsgesetz. Der Fraktionschef von Bündnis 90/Die Grünen, Anton Hofreiter: „Der Aufbau von Lademöglichkeiten in Wohnhäusern scheitert in vielen Fällen nicht am Geld, sondern am Rechtsrahmen. Mieter und Eigentümer in Mehrfamilienhäusern müssen die Zustimmung ihrer Vermieter oder Miteigentümer einholen, um Ladepunkte in der Tiefgarage oder an sonstigen Hausstellplätzen zu installieren. Wir fordern: Mietrecht und Wohneigentumsgesetz müssen angepasst werden, damit E-Auto-Fahrer leichter Ladestellen installieren können. Außerdem braucht es eine Mindestquote von Ladepunkten an den Stellplätzen, wenn Gebäude neu gebaut oder umfassend saniert werden. Jeder zweite neue Stellplatz sollte einen Ladepunkt haben, die restlichen sollten zumindest für einen Ladepunkt vorverkabelt werden.“20

Normale Steckdosen untauglich. Der Vorsitzende des Bundesverbandes E-Mobilität, Kurt Sigl, rät vom Laden an der normalen Schuko-Steckdose (10 Ampere Leistung) ab, da die Sicherung abschalten kann oder eine Überhitzung erfolgt. Ladepunkte über 12 kW sind beim Stromversorger genehmigungspflichtig. Ladestationen sollen künftig bis zu 3000 Euro Zuschuss erhalten, wie Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) erreichen will. Es gibt sie auch zum Mieten. „Doch egal, ob gemietet oder gekauft – der Vermieter muss in jedem Fall mit der Installation einverstanden sein. Befinden sich im Haus mehrere Eigentumswohnungen, muss die Eigentümergemeinschaft einstimmig zustimmen. Eine EU-Richtlinie sieht vor, dass rechtliche und verwaltungstechnische Schwierigkeiten abgebaut werden sollen.“21
Der übliche Tarif für den Haushaltsstrom liegt, wie in München, bei rund 30 Cent. „An Schnellladestationen sind Preise von bis zu einem Euro pro Kilowattstunde üblich.“21

Stiftung Warentest: Tarifchaos. Die Stiftung Warentest hat in einer Recherche die Preise beim Stromladen untersucht. Einige Energieversorger liefern für monatlich 25 Euro beliebig viel Ladestrom. „Doch wer in einem Mehrfamilienhaus lebt, kann nicht einfach eine Wallbox montieren. Dafür ist die Zustimmung des Vermieters oder ein einstimmiger Beschluss der Eigentümergemeinschaft nötig. In der Praxis ist das eine hohe Hürde. Der Bund plant daher eine Änderung des Wohnungseigentumsgesetzes. Bisher ist noch unklar, wann sie kommt.“22

Neues Grundrecht. VW-Managerin Silke Bagschik, zuständig für Vertrieb und Marketing der VW-ID-Baureihe: „Wir brauchen ein Recht auf Laden, zuhause und am Arbeitsplatz ebenso wie im öffentlichen Raum.“23

Stadtwerke München in Vorleistung. Die SWM haben ein Modell zur Förderung der Elektromobilität speziell für WEGs entwickelt. Die SWM schließen mit einer WEG einen Gestattungsvertrag ab, der über zehn Jahre läuft. Die WEG erlaubt den SWM, die Ladeinfrastruktur auf Kosten der SWM zu installieren und zu betreiben. Eine einzelne Wallbox (mit nur wenigen kW und langen Ladezeiten) ist meist problemlos zu installieren, aber bei zahlreichen Ladepunkten muss oft der Netzanschluss des Hauses erweitert bzw. auch die Zuleitung in der Straße erneuert werden. „Das kann in die Zehntausende gehen und ist von der Eigentümergemeinschaft zu bezahlen.“24 Die SWM übernimmt alle baulichen Kosten und auch die der Instandhaltung, hier allerdings mit der Einschränkung, dass eine veraltete Elektrik von den SWM nicht ausgetauscht werden kann. Die SWM berät auch bezüglich der Fördermöglichkeiten. Gelück: „Die Zukunft stellen wir uns so vor, dass jeder Stellplatz mit einem Ladepunkt ausgestattet ist. Die Stellplätze werden künftig intelligente Stromzähler auf Basis der Smart-Meter-Technologie haben.“25
Es ist schwer vorstellbar, dass sich die SWM wirklich über die weiteren Folgen dieser Politik klar sind. Der Porsche Taycan kann in der ersten Version mit bis zu 250 kW, später mit 350 kW in Schnelladestationen geladen werden. Die Leistung der Elektromotoren des Taycan liegt bei bis zu 500 kW (680 PS). Für seinen Akkusatz bräuchte eine Wallbox (elf oder 22 kW Ladeleistung) weit mehr als einen Tag zum Laden. Und die Stellplatzeigner möchten natürlich alle nach Arbeitsschluss in der Tiefgarage laden – und zwar möglichst schnell.
Für eine Wallbox von bis zu 22 kW verlangen die SWM eine einmalige Anschlussgebühr von 1499 Euro und monatlich 45 Euro Miete. Der Strom soll zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien stammen.25

Änderung des WEG-Gesetzes gefordert. Von der Lobby der Immobilienwirtschaft wird das WEG-Gesetz als Bremse für den Ausbau der Elektromobilität gesehen, da für den Einbau von Ladestationen derzeit die Zustimmung aller Eigentümer notwendig ist. Einzelne WEG-Mitglieder haben keinen Rechtsanspruch auf Ladestationen in Tiefgaragen. Auch ist zurzeit unklar, wer die Kosten für die Lade-Infrastruktur und auch für Wartung und Instandhaltung zu tragen hat. Eine ADAC-Studie gibt für Lademöglichkeiten gerade einmal vier Prozent der Stellplatzflächen in Mehrfamilienhäusern an.26 Diverse Institutionen wie Verband Wohnen im Eigentum (WiE), Dachverband Deutscher Immobilienverwalter (DDIV) und Bundesfachverband der Immobilienverwalter (BVI) fordern eine Abkehr von der Einstimmigkeit bzw. eine Absenkung der Quoren bei WEGs. Ein einzelner Eigentümer soll einen Duldungsanspruch für die Installation einer Ladesäule auf eigene Kosten haben, auch wenn andere Eigentümer dagegen sind. Das BMJV bereitet einen Gesetzentwurf für die Förderung der Elektromobilität vor, nach dem ein positiver Beschluss mit einfacher Mehrheit jeden Eigentümer dazu verpflichtet, anteilsmäßig zu seinem Eigentumsanteil die Kosten für die E-Ladeinfrastruktur zu tragen. Die Reform des WEG-Rechts könnte bis zum Frühjahr 2020 abgeschlossen werden. Gleichzeitig werden neue Förderprogramme gefordert, weil die Ertüchtigung alter Hausstromleitungen zwischen 20.000 und 30.000 Euro kosten kann.26

Geplante Neuerungen. Nach absurden Berechnungen der Bundesregierung müssten bis 2030 sieben bis zehn Millionen Elektroautos in Deutschland fahren, um die Klimaziele zu erreichen.
Wieviel von diesen Zweit- oder Drittfahrzeuge sind: egal. Und wie viel CO2 Elektroautos in Wirklichkeit verursachen: auch geschenkt und mit NULL CO2 bewertet. Interessant ist auch, wie hoch die Ladeleistung angesetzt wird: Mit einer Wallbox bis 7 kW hat das natürlich nichts mehr zu tun – Schnelllader liefern bis zu 350 kW. Und das erwartet der Porsche Taycan- oder Audi e-tron-Fahrer natürlich  in seiner Tiefgarage.
Um diese sieben bis zehn Millionen E-Autos  bis 2030 zu ermöglichen, muss natürlich am Miet- und WEG-Recht gedreht werden. Mieter sollen künftig vom Vermieter die Erlaubnis zum Einbau von Ladesäulen verlangen können. Allerdings müssen Mieter  dann die Kosten tragen. „Die Kosten für die Ladestation inklusive Leitungen auf dem Gelände einer Immobilie gehen allerdings in die Tausende.“27 Und bei größeren Objekten sicher in die Hunderttausende. Wenn sich andere Eigentümer ebenfalls verweigern, müssten Mieter verlangen können, dass ihr Vermieter Miteigentümer verklagt. Diese Neuregelungen sollen laut Justizministerium Ende 2020 in Kraft treten.27

SZ-Interview mit EnBW-Chef Frank Mastiaux. Auf die Frage der SZ-Redakteure, was passiere, wenn fünf Teslas gleichzeitig schnellladen, antwortete Mastiaux: „Das würde das lokale Netz nicht verkraften, denn dafür wurde es einst nicht gebaut.“ Mastiaux erklärte dann, dass schon 2017 das Problem besprochen worden war, dass alle Eigentümer dem Einbau einer Lademöglichkeit zustimmen müssen. Die Verantwortlichen hätten erklärt, dass dies bald geregelt werden würde. Mastiaux: „Erst jetzt hat das Justizministerium eine Lösung signalisiert. Das dauet alles zu lange!“ ((
Kleine Frage dazu: Was passiert, wenn sich die WEG lang und breit zerstritten hat, die Lademöglichkeit(en) eingebaut wurde(n) – und der Mieter dann kurz danach auszieht, weil Familiennachwuchs erwartet und eine größere Wohnung benötigt wird?

Fußnoten und Quellen:
  1. Draxel, Ellen, Strom-Tankstelle Josephsplatz, in SZ 18.5.2010 []
  2. Anschluss gesucht, in SZ 17.10.2016 []
  3. Gräber, Berrit, Fortschritt verboten, in SZ 10.2.2017 [] [] []
  4. Oliver Wyman, TU München, Blackout. E-Mobilität setzt Netzbetreiber unter Druck, München, Juli 2017 []
  5. Diermann, Ralph, Stau im Stromnetz, in SZ 30.10.2018 []
  6. Montana, Das Elektroauto in der Tiefgarage, München 10.11.2017; https://www.immobilienverwalter-bayern.de/cms/upload/Immobilienforum_2017/Montana_VDIV-Bayern_Nov_2017.pdf []
  7. Montana, Das Elektroauto in der Tiefgarage, München 10.11.2017; https://www.immobilienverwalter-bayern.de/cms/upload/Immobilienforum_2017/Montana_VDIV-Bayern_Nov_2017.pdf []
  8. Montana, Das Elektroauto in der Tiefgarage, München 10.11.2017; https://www.immobilienverwalter-bayern.de/cms/upload/Immobilienforum_2017/Montana_VDIV-Bayern_Nov_2017.pdf] Für diesen Fall „wird es schon deutlich teurer. Viele private Wandladestationen für Elektrofahrzeuge werden – wie Elektroherde – an 400 Volt angeschlossen. Ohne kostentreibende separate Kabel samt Absicherung funktioniert das nicht. (…) Doch auch hier gilt: Auf den parallelen Dauereinsatz mehrerer Wandlader mit dieser Leistung ist kaum eine Wohnanlage, geschweige denn die Stromversorgung eines älteren Mehrfamilienhauses ausgelegt.“ ((Becker, Joachim, Saftlos, in SZ 15.12.2017 []
  9. Becker, Joachim, Vorgaben aus Brüssel, in SZ 20.4.2018 []
  10. Mayr, Stefan, Turbolader für die Städte, in SZ 14.5.2018 []
  11. Balser, Markus, Durchstarten am Parkplatz, in SZ 20.8.2018 [] []
  12. Czeguhn, Jutta, Wohnen und Teilen, in SZ 26.9.2018 []
  13. Ladestellen keine Pflicht in Neubauten, in Der Spiegel 4/19.1.2019 []
  14. Traufetter, Gerald, Regierung missachtet Pflicht zum Bau von Ladesäulen für Elektroautos, in spiegel.de 19.1.2019 []
  15. Bettzieche, Jochen, Wer zuerst kommt, lädt zuerst, in SZ 25.1.2019 [] []
  16. Stromtankstellen mit Förderungen, www.heinemann-elektro-de, Stand 02/2019 []
  17. Tatje, Claas, „Ladesäulen bauen“, in Die Zeit 7.3.2019 []
  18. Verknüpfung der Verkehrs- und Energienetze, Sektorkopplung, Hrsg. Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Berlin, März 2019 []
  19. DPA/SZ, Eine Milliarde Euro für Elektroauto-Ladesäulen, in SZ 1.4.2019 []
  20. Hofreiter, Anton, Mit Plan E in die Zukunft starten, Bündnis 90/Die Grünen, Berlin 8.4.2019 []
  21. Siebert, Jasmin, Mein Haus, mein Auto, meine Tankstelle, in SZ 9.4.2019 [] []
  22. Strom tanken an der Ladestation – das reinste Tarifchaos, in www.test.de, 18.6.2019 []
  23. Kacher, Georg, Alles auf E, in SZ 13.7.2019 []
  24. Schmidt, Stephanie, „Wir stemmen alle Kosten“; Interview mit Malte Gelück/SWM, in SZ 10.8.2019 []
  25. Schmidt, Stephanie, „Wir stemmen alle Kosten“, in SZ 10.8.2019 [] []
  26. Schmidt, Stefanie, Ausgebremst, in SZ 10.8.2019 [] []
  27. Balser, Markus, Leichter laden, in SZ 28.8.2019 [] []
von wz
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