Elektroauto Chronik eines Irrtums

Juli 2018

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Juli 2018:

München: Kein Platz für Ladestationen. Karl-Preis-Platz, München: Das Reihenhaus der Münchner Wohnungsunternehmung Gewofag hätte drei Parkplätze. Dort haben die Stadtwerke München (SWM) zwei Ladestationen aufgestellt, und jetzt sind die drei Parkplätze für Elektroautos reserviert. Nun sind die Anlieger sauer. Das ist aber nur der Anfang: Die aktuell 220 Stationen an 108 Standorten sollen bis Ende 2019 auf 550 Stationen mit 1100 Ladesäulen aufgestockt werden. „Dafür hat der Stadtrat vergangenes Jahr ein 6,6 Millionen Euro schweres Paket auf fast 18 Millionen aufgestockt.“1

Was die Stadt darf. Das Elektromobilitätsgesetz der Bundesregierung von 2015 regelte die möglichen Privilegien für Elektroautos: Die Städte dürfen kostenloses Parken auf öffentlichen Parkplätzen erlauben oder Mitbenutzung der Busspuren. In München ist die Benutzung der Busspuren nicht erlaubt, aber zwei Stunden kostenloses Parken. „Außerdem sind der Domagkpark im Norden und die Isarvorstadt Testgebiete für neue Mobilitätsformen. (…) Neben Mobilitätsstationen mit Fahr- und Lastenrädern, Elektrorollern und Carsharing dürfen im Domagkpark ausschließlich Autos mit Steckdose parken. Ein Modellprojekt, auch für andere Neubaugebiete wie die Bayernkaserne oder den Prinz-Eugen-Park.“1

„Smarter together“ in Aubing. Das EU-Projekt „Smarter together“ wird im Stadtbezirk Aubing-Lochhausen-Langwied an acht Standorten Ladestationen mit jeweils zwei Ladepunkten errichten. Der Car-Sharing Stattauto wird zehn Ladepunkte erhalten, sechs Ladepunkte bleiben für private Fahrer.2

E-Modellpalette 2018:  Wie schon im Juni erwähnt werden als erstes Geländewagen elektrifiziert: Audi bringt den elektrifizierten Q 5 (e-tron), BMW den iX3, Mercedes den EQC. Porsche bringt den Taycan (ehemals Mission E).Dazu kommen der Audi e-tron GT. Fraglich sind ein Porsche-SUV Sport Turismo, ein Bentley Barnato und ein Lamborghini Espada. „Mercedes splittet seine E-Aktivitäten in zwei Äste. Den Anfang machen schnell umsetzbare Derivate wie EQ-A (A-Klasse) und EQ-C (GLC), doch ab 2020 wollen die Schwaben vier komplett neu entwickelte Stromer nachschieben. Dabei handelt es sich um zwei Limousinen und zwei Crossover in den Segmenten zwischen C- und S-Klasse. (…) Mercedes AMG will als ultimatives Kraftwerk sogar eine mächtige 500-kW-Maschine einsetzen, die im Verbund vierstellige Leistungs- und Drehmomentwerte garantiert.“3
Das sind ja nun zumeist unvernünftige Elektroauto-Modelle aus dem Raser-, Boliden- und Geländewagen-Schaufenster.

Grenzwerte und Elektroautos. 2021 werden die neuen EU-Grenzwerte von 95 Gramm CO2 pro Kilometer in Kraft treten, das entspricht 4,1 Liter Benzin respektive 3,6 Liter Diesel. Gerade die deutschen Autohersteller werden diesen Grenzwert nicht einhalten können. Daimler wird im Flottendurchschnitt 2021 bei 103 Gramm CO2 liegen, Fiat Chrysler nur bei 91 Gramm. „Eine am Donnerstag veröffentlichte Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT), der auch den VW-Abgasskandal maßgeblich mit aufdeckte, geht davon aus, dass Hersteller wie Toyota ihr Ziel locker erreichen werden. Auf andere Marken werden hingegen noch gewaltige Anstrengungen zukommen, die Werte rechtzeitig einzuhalten. Andernfalls drohen Strafen, die bis in die Milliardenhöhe gehen können. (…) Modelle, die E- und Verbrennungsmotor kombinieren, haben derzeit große Vorteile bei der Verbrauchs- und Abgasmessung. Die dort ermittelten Werte entsprechen noch weniger der Realität als die von Fahrzeugen mit konventionellem Antrieb.“4

Autohäuser nicht elektrisch. Tester von der Universität Aarhus in Dänemark hörten wenig Wohlmeinendes über Elektroautos, als sie in 15 Städten der fünf skandinavischen Staaten nach Elektroautos fragten. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Autohäuser die Elektromobilität behindern. Bei 126 Besuchen erhielten sie 92 mal abwertende oder negative Auskünfte. Über 75 Prozent der Verkäufer erwähnten die eigenen Elektromodelle nicht. Den Automanagern ist dies bekannt: „Nicht einmal jeder Zehnte ihrer Händler habe im Vorjahr auch nur versucht, ein Elektroauto an den Kunden zu bringen, sagte einer der Industrievertreter. Die Verkäufer wüssten wenig und bräuchten mehr Zeit für den Abschluss als bei einem Benziner oder Diesel.“5

Vorhersehbare Konflikte: Parken. Wie schon im Juni berichtet wird das Problem der Falschparker auf den Elektro-Ladeparkplätzen zum Problem. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) in München hat in Abstimmung mit der Polizei eine Beschilderung an den Ladesäulen eingeführt, die das Abschleppen ermöglicht. „Bis zu 30 Euro Strafe droht Falschparkern. Die Höhe der Geldstrafen regelt ein bundeseinheitlicher Katalog, eigene Geldstrafen dürfen Kommunen nicht festlegen. Sollte ein falsch geparktes Auto tatsächlich abgeschleppt werden, muss dies die Polizei veranlassen.“6 Aber auch Fahrer von fossil betriebenen Autos beschweren sich über den Wegfall von Parkplätzen: „Die Stadtwerke München, die die meisten öffentlichen Ladesäulen aufstellen und betreiben, kennen den Konflikt mit Anwohnern. ‚Interessenskollisionen‘ seien beim Ausbau der Ladeinfrastruktur aber nicht vermeidbar, so die Haltung der SWM.“6

Mögliche Mehrheit für BMW. Am 9.7.2018 traten Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr chinesischer Konterpart, Ministerpräsident Li Keqiang vor die Presse. BMW könne als erster ausländischer Autokonzern die Mehrheit an einem Joint-Venture an einem chinesischen Unternehmen erhalten. Bisher waren nur Joint-Ventures mit einer Mehrheit des chinesischen Partners möglich. „Im Fall von BMW heißt dieses Joint-Venture BMW Brilliance Automotive (BBA) mit Hauptsitz in Shenyang im Nordosten Chinas. BMW hält derzeit 50 Prozent, das chinesische Unternehmen Brilliance 40,5 Prozent; der Rest liegt bei der Kommune Shenyang. (…) Wie weit das mit der Mehrheit im Fall von BBA geht, ist noch nicht genau klar. Dem Vernehmen nach könnte BMW am Ende 75 Prozent halten; offiziell sagt BMW dazu nichts.“7

Autozulieferer Continental baut um. Continental, 235.000 Beschäftigte, 44 Milliarden Euro Umsatz, übernommen von Schaeffler) wird eine Holding aus drei Bereichen: 1) Automotive (Sicherheitstechnik, IT, Innenausstattung), 2) Rubber, das eigentliche Kerngeschäft (Reifen, Industriekautschuk) und Powertrain (Verbrennungsmotoren, Elektroantriebe).8

Verkaufszahlen steigen. Der Anteil der Elektroautos am Neuwagenverkauf steigt weltweit. Einer Studie der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers International (PWC) zufolge stieg der Anteil reiner Elektroautos in China im ersten Halbjahr 2018 von 132.000 auf über 260.000. „In Deutschland stiegen die Neuzulassungen um zwei Drittel (von 9821 auf 17.234).“9

Tesla bettelt Lieferanten an. Das Wall Street Journal berichtete, dass Tesla von seinen Zulieferern Geld zurückfordere. Tesla möchte rückwirkende Rabatte als „Investition“, um Tesla profitabel zu gestalten. „Der Zulieferer-Experte Dennis Virag bezeichnete dieses Vorgehen im Wall Street Journal allerdings als ‚einfach aberwitzig‘. Es zeige, ‚dass Tesla verzweifelt ist‘. Es komme zwar vor, von Zulieferern während eines laufenden Vertrags Preisnachlässe zu fordern. Völlig unüblich sei es jedoch, Erstattungen nach Abschluss einer Leistung zu verlangen.“ 9 Nach dem Bericht des Wall Street Journal fiel die Tesla-Aktie am 23.7.2018 um bis zu vier Prozent. Hohe Verluste und Probleme mit dem Model 3 dürften Tesla zu diesem ungewöhnlichen Schritt bewogen haben.“

Keine Begeisterung über Ladesäulen. Geschäftsleute aus dem Münchner Stadtteil Ramersdorf beschwerten sich in einem Schreiben an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), dass an der Hofangerstraße ohne Vorinformation von den SWM sechs Elektroladesäulen errichtet wurden. „‚Der dadurch verursachte Wegfall von sechs Kurzzeitparkplätzen beeinträchtigt unsere Geschäftsbetriebe (Apotheke, Friseur mit medizinischer Fußpflege, Zeitschriften- und Lottoladen) erheblich‘, klagen die Geschäftsleute.“10 Die Stadtwerke München sollen dies umgehend rückgängig machen; dieser Wunsch würde auch von vielen Kunden unterstützt.

Elektro-Statistik. In China wurden im ersten Halbjahr 2018 412.000 elektrische Pkw, Lkw und Busse verkauft, das bedeutet einen Marktanteil von 2,9 Prozent. In Deutschland stieg diese Zahl auf 33.917 Elektrofahrzeuge, ein Marktanteil von 1,8 Prozent, wie das Center of Automotive Management (CAM) berechnet hat.11

Kostenfaktor Elektroauto. Der Absatz von Elektroautos hängt nicht nur von der elektrischen Lade-Infrastruktur ab, sondern auch vom Reichweitenproblem – und nicht zuletzt von den Kosten. „Mit durchschnittlich 788 Euro pro Monat inklusive Energieversorgung, Wartung, Versicherung, Steuer und Wertverlust übertreffen Autos wie der BMWi3, Nissan Leaf, Renault Zoe und VW E-Golf Kompaktfahrzeuge mit konventionellen Antrieben. Die Vergleichsgruppe von Benzinern kostet in Deutschland 515 Euro monatlich, Diesel sind mit 489 Euro noch günstiger.“11

 

Fußnoten und Quellen:
  1. Sobotta, Jerzy, Streit um den Strom, in SZ 3.7.2018 [] []
  2. EDA, Ladesäulen auf EU-Kosten, in SZ 6.7.2018 []
  3. Kacher, Georg, Null Emissionen, null Erfahrung, in SZ 7.7.2018 []
  4. Frahm, Christian, „So weit sind die Autohersteller von ihren Verbrauchszielen entfernt“, in spiegel.de 12.7.2018 []
  5. Schrader, Christopher, Darf’s ein bisschen elektrisch sein? in SZ 17.7.2018 []
  6. Schubert, Andreas, Kampf gegen Falschparker, in SZ 18.7.2018 [] []
  7. Hägler, Max, BMW bekommt, was alle wollen, in SZ 13.7.2018 []
  8. Slavik, Angelika, Dreigeteilt in die Zukunft, in SZ 19.7.2018 []
  9. Mayr, Stefan, Mehr Käufer für Elektroautos, in SZ 24.7.2018 [] []
  10. Geschäftsleute monieren Elektroladesäulen, in SZ 27.7.2018 []
  11. Strom aufwärts, in SZ 28.7.2018 [] []
von wz
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