Elektroauto Chronik eines Irrtums

September 2019

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Aktualisiert 11.9.2019

Deutscher Städte- und Gemeindetag für Elektromobilität auf dem Land. Der Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg warnte vor einem einseitigen Ausbau in den Ballungsgebieten. Bei derzeit 83.200 E-Autos in Deutschland sei nur ein Drittel in Großstädten zugelassen. München liegt hier mit 3122 Elektroautos vorn, dann folgen Berlin, Hamburg und Stuttgart.1
In Wirklichkeit sieht es so aus: Ein ganzes Land soll mit einer kompletten Infrastruktur für Elektromobilität ausgestattet werden. Das bedeutet völlig neue Leitungen für Hoch- und Mittelspannung, tausende Umspann- und Trafostationen, hunderttausende Ladepunkte: Damit die deutsche Autoindustrie ihre spritfressenden Boliden gegenrechnen können mit ihren Elektro-Boliden – die mit null Gramm CO2 gewertet werden. Was für ein Irrsin – und offiziell alles für den Klimaschutz.

Stiftung Warentest testet E-Scooter. Getestet wurden E-Scooter von Circ, Lime, Tier und Voi in Berlin. Die Ergebnisse u. a.: Unebenes Gelände beendet den Fahrspaß abrupt; einhändiges Fahren wegen Handzeichen kann verkehrsgefährdend sein; die Kosten liegen oft über den Ausleihkosten von Autos oder E-Motorrollern. Dazu sammeln die Verleiher zu viele Daten wie z. B. den Device Fingerprint von Smartphones. Damit kann man feststellen, von welchem Nutzer, aber auch von welchem Smartphone eine Anfrage kommt, dazu werden die Bewegungsprofile über Tracker überwacht.2

Weltweite Präsentation des Porsche Taycan. Anfang September 2019 stellte Porsche den Taycan zeitgleich vor im Solarpark in Neu Hardenberg, am Wasserkraftwerk der Niagara-Fälle im US-Staat New York und in einem Windpark der chinesischen Insel Pingtan. 30.000 Interessenten leisteten eine Anzahlung des mindestens 152.136 Euro teuren Autos. Der Taycan hat bis zu 761 PS und ein Drehmoment von 1050 Newtonmeter (Nm). Von null auf 100 km/h braucht er 2,8 Sekunden, Vmax liegt bei 260 km/h. Er kann mit 350 kW geladen werden.3

Paris: Sperrmüll Elektro-Scooter. Die Pariser Verwaltung kann sich nicht mehr anders helfen angesichts 20.000 rücksichtslos geparkter „Trottinettes“: Wenn Elektro-Scooter falsch geparkt sind, werden sie als Sperrmüll entsorgt. Freiwillige holen in Paris die E-Scooter aus der Seine; in Marseille werden die E-Scooter häufig ins Mittelmeer geworfen. Ein neues Mobilitätsgesetz soll im Oktober 2019 beraten werden.4

Hilmar Klute in der SZ zur Rolle des Fußgängers angesichts von Elektro-Scooter und ähnlichem: „Überall gebiert die Mobilitätszurüstung neue Aggressionstypen des öffentlichen Lebens. (…) Keine Ahnung, wer sich den Befehl ausgedacht hat, dass der öffentliche Raum unbedingt durchrast werden muss.“5

IAA 2019 (1): VW auf der IAA elektrisch. Auf der IAA 2013 präsentierte VW den E-Golf, den E-up und den E-Load, ebenso wie auf der IAA 2015; der damalige VW-Chef Martin Winterkorn kündigte 20 E- und Plug-in-Modelle an. Der VW-Dieselskandal wurde Mitte September 2015 bekannt. Bei der IAA 2017 präsentierte VW die E-Studien ID Crozz und ID Buzz; Winterkorns Nachfolger Matthias Müller kündigte bis 2025 50 rein elektrische Fahrzeuge an. 2019 kündigt der heutige VW-Chef Herbert Diess bis 2028 fast 70 neue Elektroautos an und stellte den ID3 vor.6
Man könnte den Eindruck gewinnen, die Elektroautos seien jetzt nach dem von VW hauptsächlich verursachten Dieselskandal so etwas wie der Ablasshandel.

IAA 2019 (2): Jede Menge PS und kW. BMW will bis Ende 2021 eine Million E-Autos verkauft haben und zeigt gleichzeitig das BMW 8er Gran Coupé und das BMW M8 Coupé mit V8-Motor und 625 PS, Vmax = 305 km/h. VW kündigt bis 2028 fast 70 neue E-Autos an. Audi will bis 2025 30 elektrifizierte Modelle bringen, davon 20 reine Elektroautos. Audi zeigte de Ai:Trail, ein so hässliches wie überflüssiges Gefährt. Dazu zeigte Audi den neuen RS7 Sportback mit 600 PS und 305 km/h.7
Hallo: Die alte freiwillige Abregelung auf 250 km/h wurde anscheinend  in Zeiten der Klimakatastrophe von der deutschen Autoindustrie freiwillig auf 305 km/h erhöht.

IAA 2019 (3): Elektrische Messesplitter. Mercedes zeigt die Elektro-Studie EQ S mit 450-PS-Motor und Vmax über 200 km/h sowie einige Plug-in-Hybride.7 Der E-Smart Forfour hat einen 41-kW-Motor und 160 Kilometer Reichweite. BMW zeigt die Studie des Plug-in-Hybrid Vision M Next mit 600 PS und 0 auf 100 km/h in 3 Sekunden. Der Mini Cooper SE hat jetzt einen 184-PS-Motor. Die Seat-Tochter Cupra bringt einen E-SUV mit 306 PS. Byton zeigt den M-Byte, einen SUV mit fast fünf Meter Länge. Die VW-Tochter Lamborghini zeigt den Hybrid Sian mit 6,5-Liter-V12-Motor und elektrischen Motorzubehör von zusammen 800 PS und Vmax über 350 km/h, er kostet mindestens 2,6 Millionen Euro. Honda präsentiert den vergleichsweise vernünftigen Kleinwagen Honda e mit 136 PS und beachtlichen 1500 Kilogramm bei 3,90 Meter Länge; er kostet ab 33.850 Euro8

Fußnoten und Quellen:
  1. DPA, Elektroautos fürs Land, in SZ 2.9.2019 []
  2. Stiftung Warentest hält E-Scooter von Leihanbietern für gefährlich, in spiegel.de 3.9.2019 []
  3. Geiger, Thomas, Feigenblatt mit 761 PS, in spiegel.de 4.9.2019 []
  4. Paris entsorgt falsch abgestellte E-Scooter als Sperrmüll, in spiegel.de 5.9.2019 []
  5. Klute, Hilmar, Geht’s noch? in SZ 7.9.2019 []
  6. Pander, Jürgen, Strom ist die Hoffnung, in spiegel.de 9.9.2019 []
  7. Frahm, Christian, Zu grün, um wahr zu sein, in spiegel.de 11.9.2019 [] []
  8. Die Neuheiten der IAA 2019: Fette SUV und süße Kleine, in spiegel.de 6.9.2019 []
von wz
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