Elektroauto Chronik eines Irrtums

September 2018

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Aktualisiert 12.4.2019

Apple-Auto mit Auffahrunfall. Apple hat in Kalifornien die Genehmigung, fahrerlose Autos zu testen: Ansonsten ist dies ein sehr geheimes Projekt. Am 24.8.2018 hatte ein Lexus-SUV Typ RX 405h von Apple einen Auffahrunfall in der Nähe der Firmenzentrale in Cupertino. Der autonome Lexus wollte im Kriechtempo auf eine Schnellstraße auffahren und wurde von einem nicht-autonomen Nissan mit ca. 15 km/h von hinten touchiert.1
Bislang wurden im Jahr 2018 in Kalifornien schon über 40 Unfälle mit selbstfahrenden Autos verzeichnet.2

Anzeige für smart EQ forfour in Focus 36/1.9.2018: Stromverbrauch 14,0 – 13,4 kWh/100 km, CO2-Emissionen (kombiniert): 0 g/km.
Das ist schon frech!

Elektrische VW-Dienstwagen. VW hat 20.000 Dienstwagen, und davon soll laut VW-Chef Herbert Diess bis 2019 ein Anteil von zehn Prozent Elektroautos oder Plug-in-Hybride sein.3

Elektrische Wespe. Der Vespa-Roller von Piaggio wird im Oktober 2018 elektrifiziert und bekommt eine Lithium-Ionen-Batterie mit knapp 4 kWh (5 PS) und 100 Kilometer Reichweite.4

Neues Elektro-Motorrad. Die Zero SR hat 30 PS (rund 23 kW) und hat eine Höchstgeschwindigkeit von 164 km/h – aber dann keine Reichweite von 180 Kilometer mehr. Der Akku hat 14,4 kWh; seine Ladezeit bei 220 V beträgt zehn Stunden, mit einer Charge-Tank-Option zum Schnellladen für 2690 Euro dauert es 2,5 Stunden.5

Münchner Elektro-Busse. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) stellte Anfang September fest, dass es kaum serienreife Elektro-Bus-Modelle auf dem Markt gibt. In München fahren derzeit zwei Busse des Herstellers Ebusco aus den Niederlanden. Die Daimler-Tochter Evobus wird ab Ende 2018 und MAN ab 2019 ein Modell anbieten. Die Elektro-Busse sind derzeit fast doppelt so teuer wie die herkömmlichen Diesel-Busse. Sie müssen mit einer Ladung eine Reichweite zwischen 200 und 280 Kilometer erreichen. Im Münchner Stadtteil Moosach entsteht ein neuer Bus-Betriebshof für 190 Busse, der schon auf Elektro-Busse konzipiert ist.6
Ein immenser Aufwand – und ein immenser Anschlusswert – für Elektro-Busse: Dabei wer es technisch lösbar, saubere Dieselbusse zu konstruieren.

Ladesäulen-Kompetenzen. Die Stadtverwaltung München hat die Pläne für neue Ladesäulen bzw. Ladeparkplätze bewusst ohne Mitwirkung der Bezirksausschüsse erarbeitet. Diese sind nun verärgert und verlangen Mitspracherecht.7 Seit Anfang September dürfen Elektroautos zwei Stunden gratis – mit Parkscheibe – parken. Diese Regelung gilt bis 31.12.2020. München lehnt eine generelle Gebührenbefreiung ab, weil sonst das Parkraummanagement unterlaufen wird.8

BMW Vision iNext in Autobild. Global Driver: „Vom 9. Bis 14. September 2018 reist der BMW Vision iNext um die Welt. Von München geht es erst nach New York, dann nach Sam Francisco und schließlich nach Peking. Dabei dient das genutzte Flugzeug gleichzeitig als Präsentationsbühne. Die Frachtmaschine wurde zum Showroom umgebaut.“9
Keine anderen Probleme im Heißzeit-Zeitalter?

Autoreifen verursachen Mikroplastik. Laut einer Studie des Fraunhofer Institutes für Umwelt, Sicherheits- und Energietechnik in Oberhausen werden in Deutschland jährlich 330.000 Tonnen Mikroplastik in die Umwelt abgegeben.
https://www.umsicht.fraunhofer.de/content/dam/umsicht/de/dokumente/publikationen/2018/kunststoffe-id-umwelt-konsortialstudie-mikroplastik.pdf
Als Mikroplastik gelten Plastikpartikel unter fünf Millimeter. Rund zwei Drittel der Mikroplastik-Emissionen stammen vom Abrieb der Autoreifen, dazu kommt noch der Abrieb der Fahrbahndecken. Der Reifenabrieb wird nicht nur in die Kanalisation gespült, sondern durch den Regen überall verteilt.10
Zu dieser Emissionsquelle werden Elektroautos genauso beitragen wie fossil betriebene.

E-Bikes laden Elektroautos. Das neue Berliner Start-up „Chargery“ stellt E-Bikes zur Verfügung, die im Anhänger eine Metallbox mit 180 kg Batterien haben. Bei Ankunft am liegengebliebenen Elektroauto wird ein Ladekabel am Anhänger mit den Akkus des Elektroautos verbunden und innerhalb von 30 Minuten aufgeladen; eine Komplettladung soll vier Stunden dauern. Die Hilfs-Akkus haben 24 kW und sollen eine Reichweite von 160 Kilometer zur Verfügung stellen. Chargery kann derzeit 25 Autos in Berlin aufladen; man arbeitet mit dem BMW-Carsharing-Dienst DriveNow zusammen.11
Das kann die E-Wirtschaft natürlich ausbauen: Schnellladung mit einem fahrbaren Generator auf Benzin- oder Diesel-Basis an der Autobahn. Dann schaut die CO2-Bilanz des E-Autos natürlich noch ein Stück schlechter aus.

CO2-Zertifizierung. Seit 2005 müssen 12.000 Unternehmen und Stromerzeuger für jede emittierte Tonne CO2 ein Zertifikat vorweisen. Der steigende CO2-Preis pro Tonne Kohlendioxid macht ältere Stein- und Braunkohlekraftwerke unrentabel. Lange war das Zertifikat äußerst niedrig: 2013 wurden 2,46 Euro pro Tonnen berechnet, 2017 um die fünf Euro. Der „Think Tank Carbon Tracker“ setzt ab dem Jahr 2019 pro Tonne 35 bis 40 Euro an, die Berenberg Bank ab 2020 sogar bis zu 100 Euro. Wenn man nicht wie RWE schon frühzeitig sich für einige Jahre billige Zertifikate im Voraus gekauft hat, wird es eng.12

Elektroautos von Hyundai. Hyundai bietet inzwischen die Elektro-Modelle Ioniq, den SUV Kona EV und das Brennstoffzellen-Modell Nexo. Den Kona EV gibt es mit 100-kW-Motor und 39-kWh-Akku (ab 34.600 Euro, 300 km Reichweite) und mit 150 kW-Motor und 69 kWh-Akku (ab 39.000 Euro, 540 km-Reichweite). Mit einer 100-kW-Ladesäule dauert es 54 Minuten, bis beide Akkus zu 80 Prozent geladen sind; bei 230 V dauert es bis zu 9 h 40 min.13

Tesla Model S gehackt. Belgische Sicherheitsforscher haben ein Tesla Model S im Vorbeigehen gehackt. Die Funkschlüssel von Tesla senden einen verschlüsselten Code, der nur 40 Bit hat. „Das beschränkt die Zahl der möglichen Schlüssel auf eine überschaubare Größenordnung: Zwei verschlüsselte Codes von einem Schlüsselanhänger reichten aus, um daran alle 40-Bit-Schlüssel auszuprobieren. Der eine passende öffnete das Testauto – und auf dieser Basis konnten die Forscher anschließend alle Kryptoschlüssel für jedes Codepaar berechnen. Das Ergebnis war eine sechs Terabyte große Datenbank mit im Voraus berechneten Kryptoschlüsseln.“14
Die Profi-Hacker fingen eine Funk-ID ab, die der Tesla permanent aussendet, um seinen Schlüssel identifizierten zu können. Dann gingen sie am echten Autoschlüssel vorbei und sendeten die Funk-ID des Tesla. Der Schlüssel antwortete zweimal mit dem Aufschließ-Code. Die Forscher glichen das Codepaar mit der Kryptoschlüssel-Datenbank ab und konnten nach 1,6 Sekunden das Funksignal senden und den Tesla aufsperren und entsperren. Seit Juni 2018 soll Tesla diese Sicherheitslücke behoben haben.14

Neue Grenzwerte in der EU. Ab 2021 gilt der Grenzwert von 95 g CO2 pro Kilometer. Der Umweltausschuss des EU-Parlaments möchte bis 2030 eine Reduzierung um 45 Prozent mit Zwischenziel von 20 Prozent bis 2025. Die EU selbst hat das Ziel von 30 Prozent weniger bis 2030. „Außerdem sollen die Hersteller belohnt werden, wenn sie viele Elektro- oder andere Niedrigemissionsautos auf die Straße bringen.“15

München: City2Share. Am Forschungsprojekt City2Share neben der Stadt München BMW, Unternehmen und Forschungseinrichtungen beteiligt. U. a. sollen Mobilitätsstationen auf öffentlichem Grund bereitgestellt werden, wie im September 2018 am Zenettiplatz mit zwei E-Ladestationen, vier E-Bikes, sieben Parkplätze für Car-Sharer. „Siemens testet im City2Share-Projekt neue Sensorik, mit der über die MVG-App Informationen darüber eingespeist werden, wo Ladestationen frei sind und welche Fahrzeuge zum Ausleihen bereit stehen.“16
Ach, wie leicht hat man es doch als U-, S- und Trambahnfahrer…

SpaceX transportiert Milliardär. Das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk, Space X, soll 2023 den japanischen Milliardär Yusaku Maezawa mit einer Big-Falcon-Rakete um den Mond fliegen: Der Preis für das Ticket blieb geheim; Musk äußerte nur: „Viel.“17

„Saubere Autos gibt es nicht.“ Das war der Titel eines Gastbeitrags von Helmut Holzapfel und Wolfgang Lohbeck in fr.de, der sich kritisch mit der Frage von Mobilität schlechthin und die Reduzierung derselben auf technische Fragen beschäftigt. Jede Energie im Verkehrsbereich muss aufwendig erzeugt werden. Die Produktion immer größerer SUVs richtet nicht nur ökologische, sondern auch soziale Schäden an. Die Anzahl der Autos und die Aggressivität im Verkehr wächst.18

Eine Million Elektroautos 2020 offiziell gekippt. Seit 2010 forcierte die Merkel-Regierung das Ziel, dass im Jahr 2020 eine Million Elektroautos in Deutschland herumfahren. Nun verschiebt die Nationale Plattform Elektromobilität in ihrem Fortschrittsbericht die Million auf das Jahr 2022: Anfang 2018 waren es 110.615 Elektroautos und Plug-in-Hybride.19

Pariser Autosalon elektrisch. Präsentiert wurden dort u. a. der Citroen DS7 als E-Tense 4×4 mit Plug-in-Hybrid: 109 PS-Elektromotor an der Hinterachse, gesamt 300 PS, 13-kW-Akku für 60 Kilometer Reichweite. Und Peugeot E-Legend mit 340 kW und 100 kWh-Akkus; Reichweite über 600 km.20

Deutsche Regierung gegen deutsche Bundesumweltministerin. Die EU-Kommission will zwischen 2021 und 2030 die Grenzwerte für CO2 um 30 Prozent senken. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) war für eine Absenkung um 50 Prozent eingetreten. Angela Merkel warnte am 25.9.2018 bei einem Kongress des BDI vor dieser Verschärfung: „Alles, was darüber hinausgeht, birgt die Gefahr, dass wir die Automobilindustrie aus Europa vertreiben.“21 Und schon ruderte ein Sprecher des Bundesumweltministeriums am gleichen Tag zurück. Die Umweltverbände waren empört. Der NABU-Verkehrsexperte Dietmar Oeliger äußerte, die Bundesregierung opfere erneut Klimaschutzziele „den scheinheiligen Interessen der Autoindustrie“.21
In der EU sind 19 Länder grundsätzlich für die Erhöhung auf 40 Prozent CO2-Reduktion: Diese vertreten aber nur 64 Prozent der EU-Bevölkerung – nötig wären 65 Prozent.
Aus einem Kommentar von Michael Bauchmüller in der SZ: „Sie hat es wieder geschafft. Sobald in Europa die Grenzwerte verschärft werden sollen, läuft die deutsche Autoindustrie Sturm. Die Grenzwerte sind für sie bedrohlich, je schärfer sie werde, desto enger wird es für den Verbrennungsmotor, das Erfolgsmodell from Germany.“22

 

 

 

 

Fußnoten und Quellen:
  1. Apples fahrerloses Auto hatte einen Auffahrunfall, in spiegel.de 1.9.2018; vgl. auch DPA, Apple meldet Auto-Unfall, in SZ 4.9.2018 []
  2. Apples fahrerloses Auto hatte einen Auffahrunfall, in spiegel.de 1.9.2018 []
  3. Saubermann, in SZ 3.9.2018 []
  4. Fromm, Thomas, Vespa Elettrica, in SZ 3.9.2018 []
  5. Nefzger, Emil, Für Schönwetterfahrer, in spiegel.de 3.9.2018 []
  6. Draxel. Elle, Ausgebremst, in SZ 3.9.2018 []
  7. Lotze, Birgit, Den Stecker ziehen, in SZ 4.9.2018 []
  8. Elektroautos parken gratis, in SZ 4.9.2018 []
  9. Neues zum BMW Vision iNext, in autobild.de 4.9.2018 []
  10. Der größte Mikroplastik-Verursacher sind die Autoreifen, in spiegel.de 4.9.2018 []
  11. Przybilla, Steve, Fahrradkuriere liefern Strom fürs E-Auto, in spiegel.de 4.9.2018 []
  12. Hecking, Claus, Schultz, Stefan, Im Bann des CO2-Monsters, in spiegel.de 4.9.2018 []
  13. Grünweg, Tom, Im SUV der Zeit, in spiegel.de 8.9.2018 []
  14. Hacker klonen Tesla-Autoschlüssel in 1,6 Sekunden, in spiegel.de 11.9.2018 [] []
  15. Mühlauer, Alexander, Schärfere Klimaziele für Autos, in SZ 12.9.2018 []
  16. Lotze, Birgit, Stadt unter Spannung, in SZ 14.9.2018 []
  17. Japanischer Milliardär wird erster Mond-Tourist, in spiegel.de 18.9.2018; Zips, Martin, Völlig losgelöst, in SZ 19.9.2018 []
  18. Holzapfel, Helmut, Lohbeck, Wolfgang, Saubere Autos gibt es nicht, in fr.de 24.9.2019 []
  19. Regierungsberater kippen Elektroauto-Ziel, in spiegel.de 19.9.2018 []
  20. Pariser Autosalon: Stromaufwärts an der Seine, in spiegel.de 24.9.2018 []
  21. Balser, Markus, Bauchmüller, Michael, SPD-Umweltministerin steckt zurück, in SZ 27.9.2018 [] []
  22. Bauchmüller, Michael, Ohne Antrieb, in SZ 27.9.2018 []
von wz
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