Elektroauto Chronik eines Irrtums

September 2017

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Teurer Strom, teurere Elektroautos. Elektroautos bekommen in diversen EU-Ländern Subventionen und Steuererleichterungen. Dazu wird gern der niedrigere Strompreis im Vergleich zu Benzin und Diesel erwähnt. Nun ist jeder Staat auf die Mineralölsteuer angewiesen: „Wenn die Verbraucher zum E-Auto wechseln, werden unweigerlich die Steuern mitwandern und die Förderungen verschwinden. Strom statt Benzin oder Diesel für 100 km wird dann recht teuer – abgesehen von den sonstigen Belastungen wie etwa den Kosten für die Erneuerung der Batterien eines E-Autos, den Kosten der zusätzlich für die Stromerzeugung erforderlichen Kraftwerke oder den Aufwendungen für Photovoltaik-Anlagen. (…) Blickt man nun auf die Stromkosten für 100 Kilometer ebenfalls durch die Brille der Optimisten und geht davon aus, dass man nur 20 kWh auf 100 km verbraucht, so errechnet sich ein Aufwand für: Frankreich von 2,80 Euro, für Österreich von 3,20 Euro, für Deutschland immerhin schon von 5,00 Euro. (…) Zu beachten ist, dass die E-Autos einen zusätzlichen Strombedarf auslösen, der durch den Bau neuer Kraftwerke zu decken ist. Diese Kosten sind in den derzeit geltenden und als Grundlage verwendeten Strompreisen nicht enthalten.“1

Ebusco auf Tour. Die MVG startet demnächst ihre ersten beiden Elektrobusse der Firma Ebusco aus den Niederlanden, die diese wiederum aus China bezieht. Jeder hat 67 Plätze und eine Reichweite von 250 Kilometern. Ab 2019 wird eine erste komplette Elektrobus-Linie in Betrieb gehen.2

Langsames „Ultraschnell-Laden“. Die neue Kooperation von BMW, Daimler, Ford und Volkswagen für europaweite Schnellladesysteme wurde 2016 angekündigt: Das „Ultraschnell-Ladenetz“ soll mit 350 kW in wenigen Minuten Akkus laden können. Der Firmensitz ist München: Chef wird Michael Hajesch, der bei BMW E-Mobility-Experte ist. Sein Stellvertreter wird Marcus Groll, der bei Porsche für Schnellladesysteme zuständig ist. IG-Metall.Chef Jörg Hofmann ist skeptisch, dass dies vor 2030 funktionieren wird, weil die Bundesregierung die Kosten für den Ausbau der Infrastruktur für die Elektromobilität noch gar nicht kalkuliert hätte. „Das Netz werde engmaschiger und schneller sein als jenes von Tesla, hieß es. Schon 2017 würden die ersten Säulen an Autobahnen stehen, und bis 2020 würde es ‚Tausende von Hochleistungsladepunkten‘ geben. Fast ein Jahr nach dieser Ankündigung ist noch keine einzige Stromtankstelle im Bau. Das ist ein wenig berauschender Zwischenstand, wenn man bedenkt, dass Porsche schon 2019 einen rein elektrisch betriebenen Flitzer auf die Straße bringen will. Dieser benötigt aber ein leistungsfähiges Ladenetz, damit den Fahrern unterwegs nicht der Saft ausgeht. (…) Als Stromversorger bewerben sich EnBW und Innogy. Zudem laufen Gespräche mit der Autobahn-Raststättenkette Tank & Rast, auf deren Flächen die Ladeparks entstehen sollen.“3

BMW mit 25 neuen Elektromodellen. BMW war mit dem i3 und dem i8 Elektroauto-Pionier in Deutschland. Am 12.9.2017 will der Konzern sein neues Elektroauto vorstellen: positioniert zwischen i3 und i8. Bis 2025 will BMW insgesamt 25 Elektromodelle anbieten können: 12 reine Elektroautos und 13 Plug-in-Hybride. Sie sollen künftig auf den selben Bändern wie die fossil betriebenen Pkw gefertigt werden. „‚Elektromobilität hat für uns absolute Priorität‘, sagte Krüger. Oder, wie es BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich formulierte: ‚Electric is the new normal.‘ Elektromobilität als Normalität? Auch das ist neu in dieser Branche. (…) Man werde bald ‚in der Lage sein, jedes Modell mit jedem beliebigen Antrieb auszustatten‘, so Krüger. Jedes Modell mit jedem Antrieb in jedem Werk, das ist eine klare Ansage.“4

Elektroautos auf der IAA 2017. VW hatte bislang nur zwei Modelle im E-Angebot: den E-up und den E-Golf. Der damalige Markenvorstand von VW und heutige Konzernchef Herbert Diess äußerte dazu, dass die Dieselkrise den Absatz des E-Golf befördert hätte, der sich verdoppelte.5 „Und erstmals zeigt VW ein Wagenangebot von klein bis groß, das speziell für Batterieantriebe konstruiert ist, im Jahr 2019 wird das erste Modell daraus auf den Markt kommen. Auch Daimler wird dann einen größeren Batterie-Wagen vorstellen, bislang gibt es nur den E-Smart und den allerdings auslaufenden B 250 e. (…) Bereits im kommenden Jahr wollen Audi, Jaguar und Hyundai elektrische SUVs auf den Markt bringen.“6

Unfreiwillige Elektrifizierung. Tesla übernahm seine Bezeichnungen für den Geländewagen Model X von BMW, des oberen Pkw-Model S von Daimler und des Model 3 wiederum von BMW. Und die deutschen Autokonzerne können die neuen EU-Grenzwerte für ihre Fahrzeugflotten nur noch unter Einberechnung der Elektroautos einhalten: da hilft angesichts des Dieselskandals auch der Dieselmotor nicht mehr weiter. „Würden stattdessen ausschließlich Benzinmotoren gekauft, würden die Firmen die CO2-Flottenvorgaben reißen, denn Benzinautos stoßen etwa 15 Prozent mehr Kohlendioxid aus. In China steht ebenfalls eine Quote bevor: Wenn ein Hersteller dort nicht genügend E-Wagen verkauft oder zumindest Hybride, also Mischungen aus Verbrenner- und Elektroantrieb, können hohe Strafen fällig werden.“5

VW will elektrifizieren. Einen zweistelligen Milliardenbetrag will der Dieselskandal-Konzern VW in die Elektromobilität investieren. Am Vorabend der IAA 2017 sagte der damalige VW-Chef Matthias Müller beim VW-Empfang: „Die Transformation in unserer Industrie ist durch nichts aufzuhalten. Wir werden diese Transformation anführen.“7 Bis 2030 will VW seine sämtlichen 300 Konzernmodelle auch elektrifiziert anbieten: Dazu sollen Busse und Lkws rein elektrisch oder in Versionen mit Plug-in-Hybrid angeboten werden. Der VW-Konzern geht davon aus, „im kommenden Jahrzehnt 50 Milliarden für die Herstellung von E-Auto-Akkus aufwenden zu müssen. Mit diesem langfristigen Plan bestimmt Volkswagen das Tempo auf der Automobilmesse, die am Donnerstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet werden wird.“7

BMW bekommt weniger Fördergelder. Das EU-Gericht urteilte, dass BMW nicht 45 Millionen Euro Subventionen durch den deutschen Staat erhalten dürfe, sondern nur 17 Millionen Euro (Rechtssache T-671/14). „Der höhere Betrag sei mit den Regeln des Binnenmarkts unvereinbar. Das Gericht folgte damit der Sichtweise der EU-Kommission, die die angemeldete Beihilfe für BMW in Leipzig 2014 entsprechend gekappt hatte.“8

IAA 2017: Verdrängen des Dieselskandals, Warten auf das Elektroauto. In spiegel.de stellte Michael Hengstenberg fest, dass auf der IAA 2017 vor allem Plug-in-Hybride oder Pkw  mit 48-Volt-Bordsystem präsentiert wurden. Die meisten Elektroautos made in Germany seien noch mindestens zwei Jahre von der Markteinführung entfernt. Auch der VW-Konzern hatte keine demnächst lieferbaren Modelle im Angebot. „Der rollende Robo-Kastenwagen Sedric, die Studien Aicon von Audi und Vision E von Skoda – alles Zukunftsmusik. Selbst die deutlich seriennäher präsentierten Modelle der ID-Familie, nämlich der ID, der E-SUV ID Crozz und der Elektrobulli ID Buzz, kommen frühestens 2020 – also in drei Jahren. (…) Deutlich vager blieb da der Auftritt von Mercedes-Benz. Außer dem PS-Monster Projekt One, das zwar das neue Mercedes-Elektrolabel EQ trägt, aber ansonsten mit den Zielen der Elektromobilität nichts zu tun hat, konnte Firmenchef Dieter Zetsche wenig Greifbares bieten. (…) Mit dem i3s hat BMW zwar eine der wenigen Elektroweltpremieren mit zur IAA gebracht – aber weil es sich dabei lediglich um die etwas aufgepimpte Variante des i3 handelt, will sich da auch keine richtige Begeisterung breitmachen.“9

Altbackene Teslas. „Denn bei aller Begeisterung über die Leistungen von Tesla darf man nicht vergessen, dass die Kalifornier in Wahrheit mit ihren Fahrzeugen ein ziemlich altbackenes Konzept verfolgen: Sie ersetzen den Tank durch eine Batterie und verfolgen das tradierte Modell des Besitzes von Fahrzeugen. Dabei sind sich die meisten Experten einig, dass Elektromobilität nur dann wirtschaftlich und ökologisch ist, wenn sie – zumindest zu einem großen Teil – über Sharing-Modelle funktioniert. Nur so kann der ökologische Rucksack von Elektroautos verkleinert und der Verkehr entlastet werden. In der Richtung hat Tesla bislang wenig zu bieten.“9

Elektrisches Ablenkungsmanöver von VW. Der Dieselskandal ist bei VW entstanden: Also legt man ein riesiges Elektroauto-Programm auf.20 Milliarden Euro sollen in Elektromobilität investiert werden. Das bringt bei steigenden Verkäufen vorhersehbare Lieferengpässe bei den Batteriesätzen mit sich. „Und E-Autos werden bald so stark nachgefragt, dass Audi, VW, Skoda, Seat und all die anderen Konzerntöchter in den kommenden zwölf Jahren für 50 Milliarden Euro E-Auto-Batterien einkaufen müssen. Eine Einkaufsliste, so groß, dass Volkswagen mit Geschäftspartnern Batteriefabriken bauen wird. (…) Bei der Elektromobilität war es erst Elon Musk, dann BMW mit dem i3 – und jetzt ist es auch der VW-Konzern, der mit dem Thema natürlich auch den Dieselskandal ein wenig in die Archive moderieren will.“10

Weniger Geld verdienen mit Elektroautos. Alle Autokonzerne rechnen damit, mit Elektroautos weniger Geld als mit Benzin- und Dieselfahrzeugen zu verdienen. „Aber nur draufzahlen, das geht auf Dauer auch nicht. Sein Unternehmen könne im Jahr 2020 die Hälfte aller Wagen mit Elektroantrieben ausrüsten, bringt es Carlos Tavares auf den Punkt, Chef von Citroën, Peugeot und inzwischen auch Opel. Unter einer Voraussetzung: Es muss sich damit halt Geld verdienen lassen.“10

Laden als Chaos. Es gibt sehr viele Betreiber von Ladesäulen – und fast so viele Abrechnungssysteme. Man kann per App, per Ladekarte oder per SMS über das Smartphone bezahlen, selten auch über die Kreditkarte. Außerdem bleibt häufig unklar, wie abgerechnet wird bzw. wieviel die kWh kostet. Dazu sind diverse Webseiten oder Apps nötig zum Finden der Ladesäulen, von denen es bislang kein vollständiges Verzeichnis gibt. „So kommt es, dass die Bundesnetzagentur nur rund 7.300 Ladepunkte zählt, eine ifo-Studie im Auftrag des Verbands der Automobilindustrie hingegen knapp 25.000 Säulen. Wo sollen die zu finden sein? (…) Die sogenannte Ladesäulenverordnung besagt nur, dass ein Elektroautofahrer eine Säule bezahlen können muss, ohne vorher einen Vertrag abzuschließen. Die Verordnung schließt aber nicht aus, dass der Fahrer sich zunächst auf seinem Handy eine App herunterladen, sich dort registrieren und seine Kontodaten hinterlegen muss. (…) Gleichzeitig ist die Plattform Intercharge entstanden. Auch BMW, Daimler und Volkswagen sind am Betreiber Hubject beteiligt. In Deutschland hat das Unternehmen laut Geschäftsführer Thomas Daiber eine Marktabdeckung von über 80 Prozent der digital vernetzbaren Ladepunkte – dabei geht er aber nur von einer Gesamtzahl von etwa 7.400 Säulen aus. Und dann gibt es noch ein weiteres Joint Venture von BMW, Daimler, Ford und Volkswagen, das vor einem Jahr ankündigte, ein europaweites Netz aus Schnellladesäulen aufzubauen, aber bisher nicht so recht in die Gänge kam.“11

Norwegen zieht den Stecker. Durch die großzügige Förderung der Elektroautos in Norwegen haben sich die Probleme der Ladeinfrastruktur verschärft: Man findet keine freie Ladestation mehr. Neuerdings rät sogar der Verband für E-Auto-Fahrer, Norsk Elbilforening, vom Kauf eines Elektroautos ohne Ladestation zuhause oder am Arbeitsplatz ab. „Die norwegische Regierung fördert E-Autos massiv, erlässt Mehrwert- und Registrierungssteuer, sodass die Autos oft mehrere Tausend Euro billiger sind als vergleichbare Modelle mit Benzin- oder Dieselmotor. In vielen Städten parken und laden Elektroautos kostenlos. In Oslo war anfangs ein großer Erfolg, dass E-Autos auf der Busspur fahren durften. Irgendwann durften das so viele, dass sie sich in der Stoßzeit dort stauten. Inzwischen müssen selbst in emissionsfreien Wagen zu bestimmten Zeiten mindestens zwei Personen sitzen, damit ihnen die Busspur offen steht. Die ersten findigen E-Auto-Fahrer haben versucht mit Dummies auf dem Beifahrersitz zu tricksen.“12
Vgl. auch: Norwegen-Elektroautos

China: elektrischer Durchgriff (1). In China rückt die Quote für Elektroautos und Plug-in-Hybride ab Anfang 2019 näher. „So sollen Autohersteller, die mehr als 30.000 Fahrzeuge jährlich produzieren oder importieren, Anteile über ein komplexes Punktesystem erfüllen. (…) Die Einführung des Punktesystems für alternative Antriebe setzt die deutschen Autobauer Volkswagen, Daimler und BMW stark unter Druck. Für sie ist China der größte Einzelmarkt, hier verkaufen sie vor allem schwere SUVs und Limousinen. Während es Plug-in-Hybrid-Varianten der Mercedes S-Klasse, des Audi A8 oder Siebener BMW gibt, haben die deutschen Hersteller noch keine reinen E-Mobile in dieser Klasse im Angebot.“13

China: elektrischer Durchgriff (2). Zur Durchsetzung der Elektromobilität hat Chinas Regierung Subventionen, Anreize und Vorschriften erlassen. In den letzten Jahren wurde eine Verkaufsprämie von bis zu 10.000 Euro bezahlt. „Noch wichtiger aber ist die Nummernschildvergabe: Wer in China ein Auto anmelden will, muss an einem Losverfahren teilnehmen. In Peking gewinnt nur jeder 800. Antrag eine Zulassung und erhält sie gegen eine Gebühr von bis zu 10.000 Euro. Ein E-Auto-Käufer spaziert einfach in die Zulassungsstelle und kommt mit einem kostenlosen grünen Nummernschild wieder raus. Ein mächtiges Instrument, um seine Bürger zum Kauf von Elektroautos zu erziehen. Die ausländischen Konzerne setzt diese Politik stark unter Druck. Kein einziges ausländisches Joint Venture hat bisher ein elektrisches Fahrzeug auf dem chinesischen Markt.“14

China: elektrischer Durchgriff (3). Die verbindliche Quote für Elektroautos kommt 2019; das Datum für das Ende des Verbrennungsmotors wird demnächst bekanntgegeben, verkündete der Vizeminister für Industrie, Xin Guobin. „Hersteller rechnen mit einem Datum um 2040. Die Gründe dafür sind einfach: Chinas Städte ersticken unter der Smogglocke. Das Land ist fast komplett abhängig von Erdölimporten. Und trotz ausgetüftelter Pläne und hoher Investitionen ist es China bis heute nicht gelungen, eine konkurrenzfähige Autoindustrie aufzubauen. Warum sich also nicht einfach an die Spitze der nächsten Technologie stellen? Das ist Industriepolitik, wie man sie in chinesischen Ministerien mag – Modernisierung als staatlich angeleiteter Kraftakt.“14

Fußnoten und Quellen:
  1. Barazon, Ronald, Teure Auto-Wende, in www.deutsche-wirtschafts-nachrichten.de 9/2017 []
  2. Elektrobusse auf Tour, in SZ 6.9.2017 []
  3. Mayr, Stefan, Ladehemmung, in SZ 8.9.2017 []
  4. Fromm, Thomas, Auf der Suche nach dem Tesla-Killer, in SZ 8.9.2017 []
  5. Hägler, Max, Elektro ist Trumpf, in SZ 9.9.2017 [] []
  6. Hägler, Max, Elektro ist Trumpf, in SZ 9.9.2017; Hervorhebung WZ []
  7. Hägler, Max, Milliardenplan für E-Autos, in SZ 12.9.2017 [] []
  8. DPA, Staatshilfe für BMW-Werk, in SZ 13.9.2017 []
  9. Hengstenberg, Michael, „Ihre voraussichtliche Wartezeit beträgt … zwei bis fünf Jahre“, in spiegel.de 13.9.2017 [] []
  10. Hägler, Max, Nur viel hilft viel, in SZ 13.9.2017 [] []
  11. Krapp, Catiana, E wie Entwicklungsland, in Die Zeit 14.9.2017 []
  12. Bigalke, Silke, Bitte nicht mehr kaufen! in SZ 19.9.2017 []
  13. China setzt Quote für E-Autos durch, in spiegel.de 28.9.2017 []
  14. Bölinger, Mathias, Der Kunde winkt ab, in Die Zeit 28.9.2017 [] []
von wz
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