Elektroauto Chronik eines Irrtums

Oktober 2019

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Aktualisiert 12.10.2019

FDP: Elektroauto schöngerechnet. Oliver Luksic, der verkehrspolitische Sprecher der FDP, äußerte: Die Bundesregierung rechnet sich die E-Mobilität schön. So sollen E-Autos durchschnittlich zwölf Jahre in Betrieb bleiben. Wege der sinkenden Batterieleistung geben Autohersteller allerdings nur sieben bis acht Jahre Garantie. Da die Herstellung der Batterie äußerst CO2-intensiv ist, steht und fällt damit die Ökobilanz.“1 Stratmann führt hier noch eine Studie des Berliner Mercator Klimaforschungsinstitutes MCC und der Universität Newcastle vom Juni 2019 an. Die Gründe liegen u. a. im Strommix und den um 60 Prozent höheren CO2-Emissionen bei der Herstellung eines Elektroautos. (Zur Pressemitteilung hier). Die FDP empfiehlt allerdings, statt auf Elektromobilität zu setzen, sollte die Bundesregierung auf die Brennstoffzelle und (ausgerechnet!) synthetische Kraftstoffe setzen.

Peugeot hält es flexibel. Der neue Peugeot 208 ist bei gleicher Plattform mit Benzin-, Diesel- oder Elektroantrieb verfügbar. Diese flexible Strategie folgt der Erkenntnis, dass derzeit Prognosen über die Verkäufe von Elektroautos überaus schwierig sind. Der Peugeot-Produktmanager Guillaume Clerc nennt dies „The Power of Choice“: „Mit unserer Multi-Energie-Plattform sind wir flexibel und können mit fünf Prozent Elektroanteil genauso gut leben wie mit 30 Prozent.“2 Derzeit liegen die Vorbestellungen für die E-Version bei 25 Prozent; Peugeot rechnet derzeit mit rund zehn Prozent. Preislich kostet diese rund das Doppelte: Die Verbrennerversionen beginnen bei 15.490 Euro, die E-Version bei 30.450 Euro. Sie hat einen 100-kW-Motor, 50 kWh Speicherkapazität und eine Reichweite nach WLTP von 340 Kilometer.2

Elektro-Scooter auf dem Münchner Oktoberfest 2019. Die Polizei stoppte 414 betrunkene Fahrer von E-Scootern; 254 wurde der Führerschein entzogen.3

Aus für europäische Kleinwagen. In der Chronik September 2019 hatte ich geschrieben: Die alte freiwillige Abregelung auf 250 km/h wurde anscheinend  in Zeiten der Klimakatastrophe von der deutschen Autoindustrie auf der IAA 2019 neuerdings für einige „Sport“wagen auf 305 km/h erhöht. Überhaupt ist es erstaunlich, welche PS-Boliden und unsinnige Modelle die deutsche Autoindustrie im Zeitalter der Klimakatastrophe auf den Markt bringt: nichts gelernt.
Nun kommt der nächste Schritt, der angesichts der Klimakatastrophe und der dringend nötigen Absenkung der CO2-Emissionen im Verkehrsbereich völlig unverständlich ist: „Opel nimmt die Kleinwagenmodelle Karl und Adam vom Markt, Ford stoppt das Einstiegsmodell Ka und bei VW, so heißt es, könnte der Stadtwagen Up eingestellt werden – was zugleich das Aus für die baugleichen Konzernmodelle Skoda Citigo und Seat Mii bedeuten würde. Nachfolger sind nach aktuellem Stand nicht geplant. Kleinwagen, so scheint es, sterben langsam aus.“4 Auch die Produktion des kleinen Volvo V40 wurde bereits eingestellt, der BMW i3 folgt 2020 . VW-Chef Herbert Diess erklärte das Aus für das sogenannte A-Segment mit der teuren Spritspartechnik, welche Kleinwagen unrentabel mache. Dazu schreibt Jürgen Pander in spiegel.de: „Zugleich aber gilt: Gerade kleine und leichte Autos verbrauchen erstens meist weniger Treibstoff als größere, schwerere Modelle. Sie passen zweitens besser zum vorherrschenden Nutzungsschema der meisten Autos, nämlich als Kurzstrecken-Mobil mit durchschnittlich 1,4 Insassen. Und sie wären – der dritte Vorteil – angesichts der global zunehmenden Verstädterung, die einzig vertretbare Fahrzeuggattung (wenn es denn dort überhaupt ein Auto sein muss), um mit den ohnehin schon überfüllten Straßen- und Parkflächen der Metropolen überhaupt noch klarzukommen.“4
Das Streichen der Kleinwagen-Modelle ist auch insofern unverständlich, als diese als CO2-mindernder Faktor in die Berechnung des Flottenverbrauchs eingehen. Dafür werden dann schwere SUVs elektrifiziert, die mit Null Gramm CO2 gewertet werden.

Elektrische VW-Ladenhüter. Bisher hat der e-Golf über 30.000 Euro gekostet. Da der ältere Lagerbestand anscheinend angesichts des neuen ID3 geräumt werden soll, gibt es jetzt Verbraucher-Endpreise (incl. der staatlichen Förderung) von kaum mehr als 20.000 Euro.5

Nobelpreis für Lithium-Ionen-Akkus. Der Chemie-Nobelpreis 2019 ging an John Goodenough, Stanley Whittingham und Akira Yoshino. „Die Forscher werden für ihre Beiträge in der Batterieentwicklung ausgezeichnet. Ihre Arbeiten habe die Grundlagen für Lithium-Ionen-Batterien gelegt, heißt es in der Begründung.“6

RWE-Chef will stärkere Eingriffe. RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz gibt den Mehrbedarf an Strom für Elektroautos auf „etwa zwanzig Prozent“. Zur Durchsetzung erneuerbarer Energien sagte Schmitz im SZ-Interview: „Ich fürchte, dass man stärker in die Rechte von Bürgern eingreifen müsste. Wenn man, wie die Bundesregierung es vorhat, wirklich bis 2030 einen Ökostrom-Anteil von 65 Prozent erreichen will und Klimaschutz als hohes Ziel setzt, muss man Genehmigungsverfahren vereinfachen, letztlich auch das Verbandsklagerecht beschneiden. (…) Wenn wir 80, 90 Prozent erneuerbare Energien wollen, wird es auch Eingriffe in Eigentumsrechte geben müssen, damit neue Leitungen entstehen können.“7
Wenn man die derzeitige Strom-Verschwendungswirtschaft nahtlos auf erneuerbare Energien umstellen und noch erweitern will, muss man also Schmitz zufolge rechtzeitig dem Rechtsstaat umbauen. Oder anders formuliert: Ausbau der Erneuerbaren = Abbau der Grundrechte. Herr Schmitz denkt schon mal vor…
Eine wesentlich bessere Lösung: Die Nachfrage senken.

25.10.2019: Grüne Veranstaltung zur Rohstoffbilanz der E-Mobilität. Am 25.10.2019 organisiert Bündnis 90/Die Grünen in Berlin ein Fachgespräch: Lithium, Kobalt und Co.: Rohstoffbilanz der Elektromobilität verbessern.
Viel zu verbessern wird es nicht geben: Die Lithium-Produktion in Südamerika ruiniert den Wasserhaushalt und die ansässige Landwirtschaft, und ein Lithium-Recycling existiert derzeit quasi nicht. Kobalt kommt nach wie vor aus dem Kongo. Und die Seltenen Erden sind vornehmlich aus China…

Fußnoten und Quellen:
  1. Stratmann, Klaus, FDP wirft Bundesregierung vor, sich E-Autos schönzurechnen, in handelsblatt.com 1.10.2019 []
  2. Geiger, Thomas, Liberté, Égalité, Électricité, in spiegel.de 4.10.2019 [] []
  3. Weniger Bier – Rekord bei Alkoholfahrten, in spiegel.de 6.10.2019 []
  4. Pander, Jürgen, Kleine Autos, große Probleme, in spiegel.de 7.10.2019 [] []
  5. DPA, E-Golf plötzlich billiger als der Benzin-Golf, in SZ 7.10.2019 []
  6. Drei Batterieforscher ausgezeichnet, in spiegel.de 9.10.2019 []
  7. Bauchmüller, Michael, Müller, Benedikt, „Natürlich besorgt mich der Klimawandel“, in SZ 7.10.2019 []
von wz
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