Elektroauto Chronik eines Irrtums

Nissan Leaf

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2010 kam der Leaf auf den Markt. „Kein Wunder, dass Nissan nun die Lücke nutzt und seinen Leaf (englisch für Blatt) als ‚der Welt erstes Großserien-Elektroauto‘ anpreist, das ‚von Beginn an als ein solches konzipiert wurde‘. Noch in diesem Jahr, heißt es, sei es zu kaufen. Das stimmt bedingt. Richtig ist, dass mit der Produktion in Oppama/Japan begonnen wurde, wo jährlich 50.000 Leaf gebaut werden können. Richtig ist auch, dass im Heimatland und in den USA die Verkäufe noch 2010 starten (es soll 26.000 Vorbestellungen geben).“

Die Einführung des Nissan Leaf. Nissan sieht vor, den Leaf zuerst in den Ländern mit den höchsten Kaufprämien einzuführen: In Portugal, Irland, England und Holland werden bis zu 5000 Euro gezahlt. Mitte 2011 folgen  dann Spanien, Frankreich, Belgien und Skandinavien und Ende 2012 Deutschland, Österreich, Italien und Griechenland. [1] Der Leaf kostet um die 35.000 Euro kosten, hat eine Reichweite von offiziell 160 km und muss dann acht Stunden an einer Haushaltssteckdose aufgeladen werden.

Elektrisches Stehzeug. „Im Schnitt ist alle 160 Kilometer eine Acht-Stunden-Strominfusion fällig, doch wer auf der Autobahn mit eingeschalteter Klimaanlage einen 80er-Schnitt herausfährt, sitzt schon nach 76 Kilometern in einem ‚Stehzeug‘.“ [1].

„Car of the year 2011“. Der Nissan Leaf wurde 2011 zum „Car of the Year “ gewählt. „Dass die Wahl schlussendlich auf den kompakten Nissan Leaf fiel, bedeutet vor allem, dass hier ein Antriebskonzept ausgezeichnet wurde, das der Hersteller handwerklich sauber und seriös umgesetzt hat und dem nach Einschätzung der Jury-Mehrheit die Zukunft gehört.“ [2].

Dezember 2015: Im Rahmen der Modellpflege erhielt die Batterie 2015 eine Kapazität von 30 kWh. Damit erhöht sich die werksseitig angegebene Reichweite (theoretisch) von 199 auf 250 Kilometer. [3] „Allerdings lässt sich Nissan das Plus an Alltagsnutzen teuer bezahlen: Gegenüber dem serienmäßigen 24-kWh-Akku kostet der größere Energiespeicher, der außerdem nur mit den besser bestückten Ausstattungslinien Acenta und Tekna kombiniert werden kann, 2000 Euro Aufpreis. Nissan bietet zudem wie gehabt die Möglichkeit, zwar das Auto zu kaufen, aber die Batterie ab 79 Euro im Monat zu mieten. Wer diese Möglichkeit und die kleine Batterie wählt, kann ab 23.060 Euro Elektroauto fahren. Darüber hinaus bleibt der Nissan Leaf, was er immer war: Ein ebenso bedächtiges wie komfortables Auto, das mit seinem 80 kW / 109 PS starken Elektromotor in 11,5 Sekunden von Null auf Hundert sprintet und eine Höchstgeschwindigkeit von 144 km/h erreicht.“ [3]

Mai 2016, ein Reichweiten-Test. Die Reichweite wurde 2016 mit 250 Kilometer angegeben. Die Teststrecke betrug 130 Kilometer. Auf der Autobahn sinkt die Reichweite schnell, da die Rekuperation meist fehlt. „Mit mulmigem Gefühl geht es für die nächsten 45 Kilometer auf die Autobahn. Bei 130 km/h liegt der Energieverbrauch laut Infoanzeige des Tachos im Bereich bei 30 kWh je 100 Kilometer. Die verbleibende Reichweite sinkt rasend schnell. Mit nur noch 73 Kilometern in der Batterie kommt das Elektroauto in der Mitte der Testrunde an. (…) Nach 130 Kilometern erreicht der Leaf das Ziel. Restreichweite: 33 Kilometer. Die NEFZ-Angabe des Herstellers wurde um knapp 90 Kilometer verfehlt.“ [4]

Spritztour ins Gebirge, Juni 2018. Bei einer zweiten Testfahrt der SZ in die Alpen hatte der ursprünglich volle Akku im Kleinwalsertal auf 1200 Höhenmeter noch 17 Kilometer Restreichweite. „Dabei war der Akku des Nissan Leaf zum Start voll geladen, das Wetter auch für die Batterie angenehm und das Ziel lediglich 200  Kilometer weit entfernt. Das ist die Hälfte der NEFZ-Normreichweite.“ [5]

Fahrbericht von Boris Schmidt in der FAZ: Der Nissan Leaf ist das meistverkaufte Elektro-Auto der Welt: Über 320.000 Einheiten wurden sind seit 2010 verkauft worden, davon rund 6000 in Deutschland. Ein grundsätzliches Problem der Elektroautos ist die Reichweite: „415 Kilometer weit soll der Leaf fahren, gemessen nach der neuesten Norm WLTP. Pustekuchen. Rund 250 Kilometer sind es maximal, wenigstens war die Reichweiten-Anzeige so ehrlich, bei voller Batterie nie mehr als 265 Kilometer anzugeben. (…) Im Schnitt hatten wir einen Bedarf von 18,0 kWh je 100 Kilometer, das ist sogar weniger als der Normverbrauch  von 20,6 kWh. Viel zu optimistisch war die Anzeige im Bordcomputer, die im Schnitt 15,2 kWh vorgaukelte. Und die unvermeidlichen Ladeverluste sind in beiden Werten nicht berücksichtigt.“ [6]

[1] Kacher, Georg, Fahren in der neuen Zeit, in SZ 29.11.2010

[2] Auszeichnung für Elektroauto, in SZ 6.12.2010

[3] Harloff, Thomas, Welche Elektroautos nun günstiger werden, in SZ 8.12.2015

[4] Neissendorfer, Michael, Am Batterie-Limit, in SZ 7.5.2016

[5] Becker, Joachim, Kilometerfresser, in SZ 30.6.2018

[6] Schmidt, Boris, Läuft nicht lang, steht aber lang, in FAZ 3.7.2018

von wz
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