Elektroauto Chronik eines Irrtums

Kobalt

K

Aktualisiert 28.5.2020

Die Folgen des Rohstoff-Abbaus. In der Provinz Katanga im Süden Kongos liegt der „Kupfergürtel“ und andere Bodenschätze. „Neben Kupfer findet sich vor allem Kobalt in ungewöhnlicher Konzentration, das afrikanische Land ist mit Abstand der weltgrößte Produzent des seltenen Metalls. Und das hinterlässt Spuren. Die Böden sind kontaminiert, die Flüsse verseucht, die Regenwälder abgeholzt: Vom ‚Katanga-Syndrom‘ ist die Rede, um die systematische Umweltzerstörung beim Abbau von Bodenschätzen zu beschreiben. Ausgerechnet Kobalt und Kupfer aber sind zentrale Bestandteile von Elektroautos, den grünen Vorzeigeprodukten der mobilen Gesellschaft.“1 Gemäß dem früheren Vizepräsidenten des Wuppertal-Institutes, Friedrich Schmidt-Bleek, müssen für 24 Kilogramm Kupfer über acht Tonnen Natur geopfert werden.1
Kobalt wird für die Kathoden der Akkus benötigt.

Wieviel Rohstoffe stecken im Tesla-Roadster? Eine Studie der Technischen Universität Graz hat den Tesla-Roadster untersucht: 24 Kilogramm Kupfer, 67 Kilo Kobalt bzw. alternativ 69 Kilo Nickel und etwa 14 Kilo Lithium.1
Auch Recyclingforscher an der TU Braunschweig haben einen Tesla Roadster auseinandergenommen und die Akkus zerlegt: „Im nächsten Schritt werden die Zellen zerkleinert, Stoffe wie Kupfer oder Aluminium herausgetrennt und in ein Pulver verwandelt. (…) Dann werden mittels chemischer Prozesse wie Laugen und Fällen möglichst reines Kobalt, Nickel oder Lithium gewonnen – die Substanzen, aus denen wiederum eine neue Zelle gebaut werden kann. Am kostbarsten ist Kobalt. Die 67 Kilo, die in den Zellen eines Tesla Roadster stecken, sind mehr als 2000 Dollar wert.“1

Im Spiegel-Interview äußerte Tesla-Chef Elon Musk auf die Frage nach dem Kobalt in den Tesla-Akkus: „Etwa zehn Prozent. Aber es kommt nicht aus dem Kongo. In unserer neuen Gigafactory werden wir Kobalt aus Kanada verwenden.“2

Rohstoffkonzern Glencore unter Verdacht.  Der Schweizer Rohstoffkonzern ist dem Umsatz nach das größte Schweizer Unternehmen; CEO Ivan Glasenberg ist Südafrikaner. Im November 2017geriet Glencore unter Verdacht, im Kongo unsaubere Geschäfte zu machen. „Damals hatten die Paradise Papers enthüllt, dass Glencore im Kongo auffallend günstig an wertvolle Kupfer- und Kobalt-Minenlizenzen gekommen war. Im Zentrum dieser Recherchen stand der israelische Rohstoffhändler Dan Gertler, ein Freund des kongolesischen Staatschefs Joseph Kabila. Gertler steht inzwischen auf der schwarzen Liste der Vereinigten Staaten und wird dort ganz offiziell als korrupter Geschäftsmann bezeichnet.“ [3] Glencore beendete offiziell die Geschäftsbeziehungen zu Gertler, nahm diese ab Juni 2017 aber wieder auf. Um weitere Differenzen mit den US-Behörden zu umgehen, wurden keine Überweisungen mehr in US-Dollar durchgeführt.3

Der VW-Konzern und die Kobalt-Knappheit. Ein globaler Durchbruch der Elektromobilität könnte am Mangel der dafür notwendigen Rohstoffe scheitern. Bei Kobalt hat dies jetzt der VW-Konzern erfahren. „Der Konzern hatte kürzlich eine Investitionsoffensive im Elektrobereich angekündigt und Tesla zu seinem Hauptkonkurrenten erklärt. Wie die Financial Times berichtet, konnte VW keinen Lieferanten für das seltene Industriemetall Kobalt, das für den Bau der Fahrzeugbatterien unabdingbar ist, finden. Volkswagen hatte für eine mindestens fünfjährige Geschäftsbeziehung einen Preis für Kobalt-Lieferungen angeboten, der unter dem derzeitigen Marktpreis liegt.“4
Der Preis für Kobalt hat sich allein im Lauf des Jahres 2017 pro Pfund von 15 auf 30 Dollar verdoppelt. VW fand keine Anbieter für Kobalt. Die Financial Times zitierte einen Händler: „Sie sind arrogant, weil sie aus der Autobranche kommen. Sie haben die Bedingungen der Ausschreibung und des Marktes komplett falsch eingeschätzt. Es gibt keinerlei Verhandlungsansatz für uns, nicht einmal eine Diskussion darüber.“4
Die Financial Times weiter: „Eine andere Ursache für den Flop ist, dass der Markt die enormen Kobalt-Mengen, die VW und andere Autobauer zur Massenproduktion von Batterien brauchen, kaum noch hergibt. Schon heute verschlingen Smartphones und Tablets Unmengen des seltenen Metalls. Die Herstellung von Batterien für Elektroautos bringt die Anbieter an die Kapazitätsgrenze. Allein VW habe mit seiner Ausschreibung 80.000 bis 130.000 Tonnen Kobalt nachgefragt, sagte ein Händler der FT – fast eine gesamte Weltjahresproduktion. Die lag laut US-Geologiebehörde (USGS) 2016 bei 123.000 Tonnen, berichtet n-tv.“4
„Auch BMW will sich laut einem Bericht der Welt langfristig Rohstoffe sichern – mit indexierten Preisen. Der Volkswagen-Konzern will seine künftigen Elektroauto-Akkus immerhin besonders sauber machen: Die Wolfsburger sind als bislang einziger Autohersteller aktives Mitglied in der Global Battery Alliance des Weltwirtschaftsforums. Diese Allianz will globale Lieferketten für die Batterie-Rohstoffe zertifizieren und sicherstellen, dass die Gewinnung etwa von Kobalt mit geringerer Umweltbelastung und ohne Kinderarbeit auskommt. Zudem setzt sie sich für die Wiedergewinnung von Rohstoffen aus gebrauchten Batterien ein.“5
Der VW-Konzern „will sich ebenso absichern, bei den Preisen und bei den Herstellungsbedingungen – gerade verschärfte Einkaufsvorstand Garcia Sanz die Einkaufsregeln, ausdrücklich ist das Verbot von Kinderarbeit festgehalten. Nun suchen sie einen Lieferanten, der ihnen für fünf Jahre Kobalt zu einem festen Preis unter den geforderten Öko- und Sozialstandards liefert. Die Verhandlungen laufen, heißt es aus Wolfsburg. Doch es zieht sich, weil die Rohstoffhändler nicht angewiesen sind auf VW.“6

Katastrophale Produktionsbedingungen. Kobalt wird im Ostkongo oft unter unmenschlichen Bedingungen abgebaut: von Kindern und sklavenähnlich gehaltenen Arbeitern. „Jeden Tag vergewaltigen Bewaffnete im Ost-Kongo – einem der wichtigsten Abbaugebiete für Kobalt – Dutzende Frauen. Dorfbewohner werden versklavt oder getötet, Kinder werden von Milizen zu Mittätern gemacht. Doch trotz dieser Menschenrechtsverletzungen wandern weiter viele Mineralien aus dem Land in Zentralafrika in Laptops und Smartphones – und damit auch zu uns nach Deutschland. Benutzt werden sie etwa für den Vibrationsalarm und in Akkus. (…) Etwa die Hälfte der weltweiten Produktion der beiden Stoffe kommt aus Zentralafrika.“4
Der Geologische Dienstes der USA (USGS) schätzt, dass im Kongo fast zwei Millionen Menschen in den dortigen kleinen Minen arbeiten, die oft illegal sind und von Milizen oder Soldaten kontrolliert werden. „Arbeiter müssen dort bei vorgehaltener Kalaschnikow für gefundene Mineralien ‚Steuern‘ zahlen. Auch sexuelle Gewalt wird im Ost-Kongo von Milizen als Kriegswaffe eingesetzt. Eine UN-Studie ging für das Jahr 2012 für Nord- und Süd-Kivu von 12.000 Vergewaltigungen aus.“4

Verdoppelter  Bedarf bis 2030. Kobalt ist derzeit noch nicht knapp, „doch der Bedarf wird sich laut Schätzungen bis 2030 verdoppeln – und es wird nicht selten auch unter menschenunwürdigen Bedingungen im Krisenstaat Kongo abgebaut. (…) Das Freiburger Ökoinstitut empfiehlt von daher in einer aktuellen Studie nicht nur, die Forschungen rund ums Recycling zu verstärken, sondern auch verpflichtende Umwelt- und Sozialstandards für die Industrie einzuführen. (…) Die Studie geht davon aus, dass der Kobaltbedarf 2030 bereits bis zu 260.000 Tonnen beträgt und bis 2050 auf bis zu 800.000 Tonnen steigen kann – abhängig davon, wie sich die Batterietechnologie weiterentwickelt. Kobalt werde bereits recht gut recycelt, insbesondere aus Katalysatoren und Superlegierungen, aber auch aus Batterien. 2050 könnte rund 40 Prozent des Kobaltbedarfs aus Recycling stammen. Auch hier sei der Haupttreiber die Elektromobilität. (…) Gerade die Kobaltförderung sei wegen der Menschenrechtsverletzungen im Kongo eine Herausforderung, so die Autoren der Studie.“7

Globaler Kampf um Kobalt. Die Autohersteller brauchen für ihre Elektroautos Kobalt und haben ein Lieferproblem. Denn der weltweit größte Exporteur „ist die Demokratische Republik Kongo, ein Land, mit dem westliche Konzerne aus guten Gründen nur ungern Geschäfte machen. Sorge bereitet der Autobranche der drastische Preisanstieg bei dem Metall. Seit dem Sommer hat sich der Preis für eine Tonne Kobalt knapp verdreifacht.“5

Gestiegene Nachfrage. Einem Bericht der Deutschen Rohstoffagentur zufolge stieg die Gesamtnachfrage nach Kobalt von 65.0000 Tonnen im Jahr 2010 auf 90.000 Tonnen im Jahr 2015 und soll bis 2025 weitersteigen auf 155.000 Tonnen. Davon stammten 2015 rund 60 Prozent aus der Demokratischen Republik Kongo. Dazu kommen Lieferanten aus China, Kanada und Australien.5 „Schätzungen gehen von weltweit 25 Millionen Tonnen gesicherter Kobalt-Reserven an Land aus, auf dem Boden der Weltmeere könnte sogar fünfmal so viel Kobalt lagern. Doch nur wenige Länder sind bereit, Kobalt abzubauen, das überwiegend als Nebenprodukt bei der Nickel- und Kupferproduktion anfällt. Denn die Kobalt-Konzentration in Gestein ist gering, der Abbau ist mit hohem Aufwand und hoher Umweltbelastung verbunden. Kinderarbeit ist beim Kobalt-Abbau im Kongo üblich, kritisierte Amesty International vor einigen Monaten in einem Bericht“5
Die Autobauer stellen sich inzwischen auf die schwieriger werdende Versorgungslage mit Kobalt ein. Die Akkus für das Model 3 von Tesla benötigen weniger Kobalt.5 Außerdem könnte ein Kobalt-Engpass für eine erhöhte Recycling-Quote sorgen.

Kobalt und Kinderarbeit (1). Erwachsene und Kinder graben mit ihren Händen ohne Masken oder Handschuhe im Geröll nach Kobalt und erhalten für ihre Arbeit pro Tag ein bis zwei Dollar. „‚Deshalb besteht die Gefahr, dass der Käufer eines Smartphones, Laptops oder E-Autos unwissentlich Kinderarbeit fördert‘, erklärt John, dessen Organisation seit zwei Jahren genau verfolgt, unter welchen mitunter desaströsen Umständen dieser immer wichtiger werdende Rohstoff gewonnen wird. (…) Auch deutsche Unternehmen, wie der Autobauer BMW, beginnen damit, ihre Lieferanten klarer zu benennen. Von sieben Schmelzen, etwa Umicore in Südkorea, Ganzhou Tengyuan Cobalt Industrial in China oder Ambatovy auf der Insel Madagaskar, kommt der Rohstoff für die Fahrzeugbatterien, wie sie zum Beispiel im Elektroauto i3 stecken. (…) Der Preis geht nach oben, davon profitieren vor allem Spekulanten und Händler. Denn ganz unten in der Kette bleibt alles gleich. 4000 Euro kostet es eine Tonne Kobalt zu schürfen. Die Schürfer im Kongo haben nichts vom Aufschwung des Marktes.“6

Kobalt und Kinderarbeit (2). In den Akkus eines BMW i3 werden 35 Kilogramm Grafit, über 10 Kilogramm Nickel und Kobalt und Mangan verbaut. BMW bemüht sich, bei seinen Kobalt-Lieferanten die Arbeitsbedingungen gemäß den OECD-Richtlinien zu verbessern. Es wurde ein „Sorgfaltspflichtkatalog“ mit 30 kritischen Rohstoffen erarbeitet. Amnesty International erkannte einige Verbesserungen bei BMW an, konstatierte aber letztlich ein doch niedriges Niveau.6

Kobalt aus Slowakei und Finnland? Die EU-Kommission stellte im Mai 2018 einem Aktionsplan für die Entwicklung und den Bau der Akkus vor: Der Rohstoffbezug außerhalb der EU soll gewährleistet sein, aber auch mehr Rohstoffe innerhalb der EU gefördert werden. „So etwa Lithium in Portugal und Irland oder Kobalt in der Slowakei und Finnland. Insgesamt sollen europäische Akkus besonders nachhaltig und ökologisch hergestellt werden, einschließlich eines bedachten Recyclings“8

Krisenmetall Kobalt. Kobalt entsteht meist als Nebenprodukt bei der Herstellung von Nickel oder Kupfer. „Das Metall ist ein guter Strom- und Wärmeleiter und wird für die Kathoden von Lithium-Ionen-Akkus verwendet, das Gegenstück zur Anode. Kobalt kann die Kapazität eines Akkus erhöhen.“9 Im Sommer 2018 kostete eine Tonne Kobalt über 90.000 Dollar. „‚Verzögerungen beim Ausbau von Bergwerken und Weiterverarbeitung ‚können zu erheblichen Problemen in der Versorgung führen‘, sagte der Kobalt-Experte des BGR, Siyamend Al Barazi. Die große Nachfrage komme vor allem aus der Autoindustrie: ‚Wir gehen davon aus, dass sich, getrieben durch die Elektromobilität, die Nachfrage nach Kobalt bis 2026 auf rund 225.000 Tonnen verdoppeln wird‘, sagt Al Barazi. (…) „Helfen könnten Strategien von Herstellern, Akkus mit geringerer Kapazität und damit auch niedrigerer Reichweite anzubieten.“10
Das genaue Gegenteil ist derzeit der Fall: Die Tendenz geht zur Reichweitenverlängerung mit größeren Akkus.
Al Barazi „schätzt, dass der Marktanteil des Kongo bis 2026 auf 70 Prozent steigen wird. Auch die Hälfte der weltweiten Reserven von sieben Millionen Tonnen liegt dort.“9

Der gescheiterte Staat Demokratischen Republik Kongo: „Die territoriale Souveränität der Regierung ist insbesondere im Osten des Landes nicht mehr gegeben. Aufgrund ihrer Instabilität wird die Demokratische Republik Kongo als gescheiterter Staat bezeichnet, gleichwohl keine der zahlreichen Rebellengruppen, die seit der Unabhängigkeit existierten, je die Legitimität des Staates in Frage oder sezessionistische Forderungen stellten.“ (Wikipedia).

Glencore, Kupfer, Kobalt. Im Juli 2018 wird Glencore erneut vom amerikanischen Justizministerium der Korruption und der Geldwäsche bezichtigt. Bereits im November 2017 hatte sich das US-Justizministerium mit Glencores Geschäften im Kongo befass. „Damals hatten die Paradise Papers enthüllt, dass Glencore im Kongo auffallend günstig an wertvolle Kupfer- und Kobalt-Minenlizenzen gekommen war. Im Zentrum dieser Recherchen stand der israelische Rohstoffhändler Dan Gertler, ein Freund des kongolesischen Staatschefs Joseph Kabila. Gertler steht inzwischen auf der schwarzen Liste der Vereinigten Staaten und wird dort ganz offiziell als korrupter Geschäftsmann bezeichnet. Glencore kappte zunächst die Verbindungen zu Gertler.“11

Rohstofflager Elektroauto. „Das Batteriesystem eines Elektroautos gleicht einem gut sortierten Metalllager: Darin befinden sich ungefähr 60 Kilogramm Kupfer, rund 40 Kilo Lithium, 35 Kilo Grafit sowie jeweils 12 Kilo Nickel, Kobalt und Mangan.“12

Beschaffungsrisiko Kobalt. Die Deutsche Rohstoffagentur Dera geht für das Jahr 2026 von einem Jahresbedarf von 700 GWh Akkuleistung aus: Das wäre eine Kobalt-Nachfrage von circa 225.000 Tonnen. Das Kobalt-Angebot wird zu 70 Prozent aus dem Kongo kommen – inclusive Kinderarbeit, Zwangsarbeiter, Bürgerkrieg etc. Ein veränderter Metallmix könnte den Kobalt-Anteil in den Akkus halbieren: „Das Recycling wird durch den schrumpfenden Anteil des Edelstoffs aber noch unwirtschaftlicher.“13

VW kauft fast die Jahresproduktion. Der VW-Konzern will mächtig in Elektromobilität expandieren und investieren: mit entsprechenden Konsequenzen. „Allein der Volkswagen-Konzern soll unlängst mit einer Ausschreibung 80.000 bis 130.000 Tonnen Kobalt nachgefragt haben – fast eine Weltjahresproduktion.“14

Kobalt und China. Die gesundheitsschädlichen und asozialen Arbeitsbedingungen beim Kobaltabbau sind hinlänglich bekannt. Neu ist die teilweise Übernahme der Produktion durch China: „Von den großen kongolesischen Minengesellschaften wiederum ist ein bedeutender Teil Partnerschaften mit chinesischen Kobalt-Produzenten eingegangen.“15 – Die Republik Kongo hat eine Schuldenlast gegenüber China in Höhe von 37 Prozent des Bruttoinlandprodukts, mit fast 30 Prozent seiner Wirtschaftsleistung.16

Jonas Gerding in der Zeit über Kobalt. Zahlen: 64 Prozent des gesamten geförderten Kobalts kommen aus der Demokratischen Republik Kongo; fast 50 Prozent der globalen Kobaltreserven werden hier vermutet. Fünf bis zehn Kilo Kobalt werden für die Akkus eines Elektroautos benötigt. Die Kobaltnachfrage lag im Jahr 2015 bei etwa 100.000 Tonnen. Für 2020 werden rund 150.000 Tonnen, für 2025 rund 250.000 Tonnen geschätzt.17
Die Bundesregierung will im Sommer 2019 einen Fragebogen an 1800 deutsche Unternehmen versenden: Die Einhaltung von Menschenrechten in den Lieferketten wird abgefragt. Die BGR schätzt, dass insgesamt 150.000 bis 200.000 Menschen legal und illegal im Kongo Kobalt fördern. BMW ist Kunde von einem der Haupteinkäufer des kongolesischen Kobalts, Samsung SDI. Auf Nachfrage betonte BMW einen „partnerschaftlichen Erfahrungsaustausch“ mit Samsung SDI. Anfang 2019 meldete BMW, dass der Autokonzern ab 2020/2021 gar kein Kobalt mehr aus dem Kongo beziehen wird. „Man scheint sich also nicht sicher zu sein, ob das mit der Einhaltung der Menschenrechte im Kongo gelingt.“17
Aus Wikipedia: „Samsung SDI Co., Ltd. ist ein südkoreanischer Hersteller von Bildschirmen, Batterien und Akkumulatoren. Das Unternehmen wurde am 20. Februar 1970 als Samsung-NEC Co Ltd. gegründet und ist ein Tochterunternehmen der Samsung Group.“

Diess: 95 Prozent kontrollierter Abbau. Der VW-Chef Herbert Diess behauptete im Interview in der Zeit: „Oft wird der Kobalt-Anteil kritisiert. Kobalt wird inzwischen zu 95 Prozent kontrolliert abgebaut, nur fünf Prozent kommen aus nicht kontrollierten Minen – überwiegend im Kongo.“18
Keine Ahnung, auf welche Quellen sich Diess hier stützen könnte.

Neue Studie zur Kobaltförderung im Kongo. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover veröffentlichte im Oktober 2019 eine neue Studie: Analyse des artisanalen Kupfer-Kobalt-Sektors in den Provinzen Haut-Katanga und Lualaba in der Demokratischen Republik Kongo. Ihre Experten besuchten 58 Minen in den Provinzen Haut-Katanga und Lualaba. Mitautor Philip Schütte berichtete in spiegel.de u. a. über illegalen Kleinbergbau, extrem unsichere Arbeitsbedingungen und Tote, schlechte Bezahlung. Zwischenhändler aus China, Indien oder dem Libanon nutzen die Mineure aus. Industrielle Abbaufirmen haben sich die besten Claims gesichert: Dort arbeiten dann Kleinbergleute. Kinderarbeit ist nicht ganz so verbreitet, wie angenommen, aber Kinder sind auch unter Tage tätig oder müssen schwere Erzsäcke bewegen. In den 58 besuchten Minen trafen die Experten über 2500 Kinder an. „Militär und Geheimdienstmitarbeiter arbeiten zum Beispiel als Bodyguards für Rohstoffhändler, zum Beispiel aus China, und schubsen die Leute in den Minen herum. (…) Der Kongo ist für mehr als 60 Prozent der weltweiten Förderung verantwortlich. Und dieser Anteil wird in Zukunft wohl eher steigen als fallen, weil die geologischen Verhältnisse im Land so gut sind.“19
Ergänzende Bemerkungen zur BGR-Studie von WZ: Kobalt wird als Nebenprodukt der Kupfer- oder Nickelförderung gewonnen (S. 4). – Die BGR-Geländeteams konnten nur 58 von 102 Minen besichtigen (S. 9). Bei 31 Minen verweigerten die Unternehmen den Zugang, bei 23 die Kooperativen bzw. private Sicherheitsfirmen, bei 23 blockierten die „Garde Republicaine“, bei 15 die Polizei. (S. 12) – Auf 24 Minen (41%) befanden sich Militärs oder Polizeieinheiten, auf 27 Minen Angehörige von Geheimdiensten. (S. 22) – Der durchschnittliche Kobaltgehalt beläuft sich auf 4,2 Prozent. (S. 25), d. h. für 4,2 Kilogram Kobalt müssen 100 Kilogramm Gestein durchsucht werden. Das Erz wird durch Brechung, Waschung, Trennung und Sieben aufbereitet. (S. 28) „Abraum und taubes Gestein werden nach stattgefundener Aufbereitung planlos verkippt“ (S. 29) – Handelspartner nach Nationalitäten u. a.: China 43 %, Kongo 25%, Indien 14 %, Libanon 11 %. (S. 38) – Verdienst: 40 % der Bergleute verdienten unter dem Mindestlohn von 4,2 $ am Tag, zwei Drittel weniger als zehn $ pro Tag. (S. 39) – Frauen: Auf 29 Minen wurden arbeitende Frauen interviewt. Die meisten waren mit dem Waschen von Erzen beschäftigt, dazu Verkauf von Kleinwaren und Restauration.- Arbeitssicherheit: Gefahren u. a. von Abrutschungen, überhängenden Felsen, Stolleneinbrüchen, Grundwassereinbrüchen, Stolleneinbrüchen (keine Abstützungen). (S. 42f) – Unfälle: 2018 gab es 63 tödliche Unfälle und 101 Verletzte (S. 41) – Kinderarbeit: In 17 Minen (29 %) wurden arbeitende Kinder festgestellt. Die UNICEF beziffert die Zahl der Kinder auf etwa 40.000; die BGR schätzt insgesamt ca. 4700 Kinder. Bei den untersuchten 17 Minen waren nach Schätzungen etwa 2500 Kinder tätig: etwa 1600 unter 10 Jahren, etwa 900 zwischen 10 und 15 Jahren. (S. 46f.) Die Arbeit in den Stollen und Schächten „sind  als schwerste Form von Kinderarbeit zu bewerten.“ (S. 47)

Kobalt-Opferfamilien klagen. Die Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates (IRA) hat im Namen von 14 Familienangehörigen von Verunfallten in Kobaltminen des Sudans Klage gegen Apple, Google, Dell, Microsoft und Tesla eingereicht. „Die Organisation wirft den Tech-Konzernen vor, von dem ausbeuterischen Bergbausystem in der Demokratischen Republik Kongo zu wissen, davon zu profitieren und das System zu unterstützen.“20 IRA kritisiert die schlechten Arbeitsbedingungen und die Ausbeutung von Kindern in den Kobaltminen, die oft in Vollzeitarbeit schuften müssen. Das Kobalt aus den Minen des Rohstoffkonzerns Glencore und der chinesischen Minenfirma Zhejiang Huayou Cobalt würde zum Großteil von Kindern geschürft, die dafür zwei bis drei US-Dollar Tageslohn erhalten. Glencore verkauft das Kobalt an den belgischen Batteriezulieferer Umicore, der an die verklagten Tech-Konzerne Apple, Dell, Google, Microsoft und Tesla weiterverkauft. Zhejiang Huayou Cobalt liefert Kobalt u. a. auch an Apple, Dell und Microsoft.21

Gewichtsreduktion von Kobalt. Der Gewichtsanteil von Kobalt beträgt derzeit 200 Gramm je kg Zelle bei NMC 111 und 60 Gramm Kobalt bei NMC 811. Dieser Anteil wird sich noch drastisch reduzieren lassen.22

Umicore: Rohstoffe für E-Autos nicht knapp. Der belgische Konzern Umicore ist im Bereich Materialtechnologie und Recycling tätig und macht 13,7 Mrd. Dollar Umsatz. Der Umicore-Rohstoffstratege Christian Hagelüken sieht keine Verknappung bei Rohstoffen für die Elektromobilität. Problematisch ist allerdings Kobalt: Über die Hälfte kommt aus der Demokratischen Republik Kongo, danach folgen Australien, Kuba und die Philippinen. Im Kongo kämen derzeit 80 Prozent aus Industrieminen, wo Kinderarbeit nicht zulässig sei. Vermutlich lässt sich im Lauf der Zeit der Kobalt-Anteil in den Akkus absenken. Allerdings steigt die gesamte Nachfrage wiederum durch den Anstieg der Elektroautos weltweit. „Laut Dera könnte sich die Kobalt-Nachfrage von 2018 bis 2026 mehr als verdoppeln. die Preise schwankten zuletzt extrem: 2018 war das Metall in der Spitze 95.000 US-Dollar je Tonne wert, 2019 fiel die Notierung bis auf 28.000 Dollar je Tonne.“23

Kobalt-Sudan. Der italienische Fotograf Luca Catalano Gonzago hat im Jahr 2019 das Leben der Menschen in den sudanesischen Kobaltminen dokumentiert (Bloody Batteries: hier).  Der Abbau ist mit großen Umweltschäden verbunden: Wälder werden abgeholzt, toxische und radioaktive Chemikalien eingesetzt. Im Sudan werden über 60 Prozent des weltweiten Kobalts im industriellen Bergbau, aber auch beim privat organisierten Abbau gefördert. Der größte Teil wird nach China zur Weiterverarbeitung verschifft.24

Fußnoten und Quellen:
  1. Jung, Alexander, Warten auf Grün, in spiegel.de 28.10.2014 [] [] [] []
  2. Bethge, Philipp, Jung, Alexander, „Niemand will ein Mistauto“, in Der Spiegel 48/24.11.2014 []
  3. Theile, Charlotte, Verdacht auf Geldwäsche bei Glencore, in SZ 5.7.2017; zu Gertler siehe auch unten []
  4. Es gibt zu wenig Rohstoffe: Traum vom Elektroauto könnte platzen, in deutsche-wirtschafts-nachrichten.de 22.10.2017 [] [] [] [] []
  5. Eckl-Dorna, Wilfried, Wettstreit um die weltweiten Kobaltreserven, in spiegel.de 9.12.2017 [] [] [] [] []
  6. Hägler, Max, Sauber bleiben, in SZ 30.12.2017 [] [] []
  7. Wolfangel, Eva, Fehlen die Rohstoffe für die E-Mobilität? in spektrum.de 22.11; Hervorhebung WZ []
  8. Hägler, Max, EU-Rohstoffe für Elektroautos, in SZ 17.5.2018 []
  9. Strathmann, Marvin, Angst vor der Kobalt-Krise, in SZ 3.7.2018 [] []
  10. Strathmann, Marvin, Angst vor der Kobalt-Krise, in SZ 3.7.2018; Hervorhebung WZ []
  11. Theile, Charlotte, Verdacht auf Geldwäsche bei Glencore, in SZ 5.7.2018 []
  12. Jung, Alexander, Blindlings in die Rohstoff-Falle, in Der Spiegel 32/4.8.2018 []
  13. Becker, Joachim, Dreckige Wahrheit, in SZ 24.11.2018 []
  14. Wüst, Christian, Strom aus der Flasche, in Der Spiegel 50/8.12.2018 []
  15. Janßen, Frank, Anschluss gesucht, in Der Stern 9.5.2019 []
  16. Grill, Bartholomäus, Sauga, Michael, Zand, Bernhard, Die Billionen-Bombe, in Der Spiegel 27/29.6.2019 []
  17. Gerding, Jonas, Ein Rohstoff und sein Preis, in Die Zeit 18.7.2019 [] []
  18. Nezik, Ann-Kathrin, Pletter, Roman, Ist das Auto schuld am Klimawandel?, in Die Zeit 1.8.2019 []
  19. Seidler, Christoph,  Hier sterben Menschen für unsere E-Autos, in spiegel.de 16.10.2019 []
  20. Peteranderl, Sonja, Familien von Minenarbeitern klagen gegen Tech-Konzerne, in spiegel.de 17.12.2919 []
  21. Peteranderl, Sonja, Familien von Minenarbeitern klagen gegen Tech-Konzerne, in spiegel.de 17.12.2019 []
  22. Fraunhofer-Institut für  System- und Innovationsforschung ISI, Batterien für Elektroautos: Faktencheck und Handlungsbedarf, Thielmann, Axel u. a., Karlsruhe 1/2020, S. 13 []
  23. Liebrich, Silvia, Stresstest für die Industrie, in SZ 28.1.2020 []
  24. von Olphen, Tim, Kobaltförderung im Kongo: Der (Alb)traumstoff, in spiegel.de 1.5.2020 []
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