Elektroauto Chronik eines Irrtums

Formel E

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Aktualisiert 1.6.2019

Wikipedia: „Die FIA-Formel-E-Meisterschaft ist eine Rennserie für Formelwagen mit Elektromotor, die auf Initiative von Jean Todt ins Leben gerufen und von dem Promoter Alejandro Agag und seiner Firma Formula E Holdings im Auftrag der FIA geplant wurde. Sie wird seit dem 13. September 2014 weltweit auf Stadtkursen ausgetragen. Am 9. Januar 2018 wurde bekanntgegeben, dass ABB Titelsponsor der Serie wird und diese daher ab sofort den Namen ABB FIA-Formel-E-Meisterschaft trägt.“
Zu Agag: „Starker Mann in Hintergrund, quasi der Ecclestone der Formel E, ist der Spanier Alejandro Agag, Unternehmer, Politiker und nebenher Schwiegersohn des iberischen Ministerpräsidenten José Maria Aznar.“1

Faszination elektrische Rennstrecke. Die Rennen der Formel E finden innerstädtisch statt – mehr gibt die Reichweite der elektrischen Boliden nicht her. Ansonsten geht es ähnlich zu wie bei der Formel 1. „Gerade weil es an der Rennstrecke weder knallt noch nach Sprit stinkt, wird das Kennzeichen E als Formel für die Zukunft gehandelt. (…) So finden Training, Qualifying und das einstündige Rennen auf gesperrten Innenstadt-Straßen statt. Alles an einem Tag, um mit anderen Sportevents um mediale Aufmerksamkeit und Sponsorengelder konkurrieren zu können. Die Saison startet am 13. September in Peking, dann geht es nach Malaysia, Südamerika und in die USA. Im Frühsommer 2015 führt der Rennkalender auf Stadtkurse in Monte Carlo, Berlin-Tempelhof und London.“2 Und die naheliegende Lösung für geringe Reichweiten: Autowechsel. Da die Batterien das Renntempo nicht lange durchhalten, werden die elektrischen Rennwagen – vorläufig – nach 20 Minuten ausgetauscht.2
Zur Halbzeit des Rennens müssen also die Fahrzeuge gewechselt werden, weil die Ladezeit zu lang wäre. Künftig sollen die Batterien deshalb bis zu 40 kWh speichern können.1

Elektrisch rasen in China. Aks Auftakt zur neu geschaffenen Formel E sollen am 13.9.2014 in Pekings Olympiapark das erste Rennen stattfinden. Veranstalter Steven Lu konnte mit  seinem abgasfreien Rennen die FIA und die Pekinger Stadtverwaltung begeistern Lu: „Alle sind hier für Elektroautos, vom Bürgermeister bis hoch hinauf ins Zentralkomitee der Partei… Saubere Energie hat in China sehr gute Karten.“3
Wie das, wenn die „saubere“ Elektrizität in China aus 90 Prozent Kohlestrom erzeugt wird!

Formel E urban. Im Mai 2015  gastiert die Formel E in Berlin auf dem früheren Flughafen Tempelhof.3

Formel E: die üblichen Verdächtigen. Die Reifen kommen von Michelin. Die Automarken BMW, Honda, AMG Mercedes, Audi, Nissan werden teilnehmen. Porsche kommt demnächst hinzu. Und natürlich ist die  Geschwindigkeit der Hype, so Nick Heidfeld: „Die Höchstgeschwindigkeit liegt zwar nur bei rund 220 km/h, dafür beschleunigen die Autos in nur 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h‘.“4
Und vermutlich natürlich alles mit Ökostrom!

Formel E in München? „Und bald könnte die Formel E in München ankommen – auf der Theresienwiese. Die Stadt München bestätigt erste Gespräche. Monaco-Feeling in München statt steriler Pisten auf der grünen Wiese.“5

BMW investiert. BMW ist aus der DTM ausgestiegen und investiert in die Formel E. Der BMW-Sportdirektor gab bekannt, dass ein Viertel aller Elektro-Ingenieure für Serienautos für die Formel E arbeiten. “ Im Renneinsatz werden die E-Maschinen allerdings bis an die Verschleißgrenze belastet. Wo sonst bei spätestens 14. 000 Umdrehungen pro Minute (U/min) Schluss ist, drehen die Rennversionen künftig mehr als doppelt so hoch. Selbst bei der Formel 1 ist aufgrund des extremen Verschleißes bei knapp 20 .000 U/min Schluss.“6

Elektrische Aufrüstung. Die Spitzengeschwindigkeit in der Formel E wird 2018 von 225 auf 280 km/h steigen und die Motorenspitzenleistung von 270 auf 340 PS. Der Schaeffler-Konzern hat ein Formel-E-Fahrzeug mit rund 900 kW vorgestellt. Auch der personelle Aufwand entwickelt sich ähnlich: Das Team von Mercedes-AMG High Performance Powertrains (HPP) besteht aus 800 Mitarbeitern.6
Kurz: Formel E ist der Wahnsinn der Formel 1 auf elektrisch.

Deutsche Autokonzerne steigen in Formel E ein. Spiegel-Redakteur Alfred Weinzierl urteilte über die Formel E, sie scheint „eher ein Symptom der Krise als deren Lösung“ zu sein.7 Trotzdem haben sich Audi, BMW, Mercedes und Porsche jeweils zwei Startplätze in der Formel E gekauft. BMW hatte die ersten vier Jahre der Formel E den i3 als „Medical Car“ und den i8 als „Safety Car“ zur Verfügung gestellt. Jetzt werden Hochleistungs-Elektromotoren gebaut. (Die genauso wenig in Zeiten der Klimakatastrophe gebraucht werden wie Hochleistungsmotoren auf Benzin- oder Dieselbasis.) BMW-Motorsportchef Jens Marquardt: „“Das wird uns helfen, Hochleistungsmaschinen für die Straße zu entwickeln.“ Denn irgendwann müsse man „elektrifizierte High-Performance-Fahrzeuge“ anbieten.7

Audi E-tron F05. Zweite Generation der Einheitsrennwagen für die Formel E, Spannung 700 Volt, Vmax 240 km/h, Akkus mit 52 kW: „Das reicht mit etwas Geschick und Weitsicht für eine volle Renndistanz von 45 Minuten plus einer Runde.“8

Neue E-Modelle in der Formel E. Der Techniktransfer von der Formel E in den Serienautobau soll sehr intensiv sein. „BMW und Audi, DS und Jaguar, Nissan und Mahindra, die Elektroautomarken Nio und Venturi wollen dort Know-how sammeln, das künftige Elektroautos besser machen soll. Auch Mercedes ist faktisch dabei, mit dem HWA Racelab aus dem schwäbischen Affolterbach.“9BMW hat die Drehzahlfestigkeit auf 40.000 Touren pro Minute erhöht und baut eine neue Siliciumcarbid-Technologie ein, in der der Akku-Gleichstrom in dreiphasigen Wechselstrom (Starkstrom) für den Elektromotor umgewandelt wird. Auch an der Akku-Technik wird verbessert. Der Lithium-Ionen-Stromspeicher von McLaren Applied Technologies wiegt 374 Kilogramm und speichert 52 kWh.9

Formel E rast in Saudi-Arabien. Ende Oktober 2018: Formel-E-Chef Alejandro Agag lobte, dass Saudi-Arabien das „neue Zuhause der Formel E“ sei. Sehr aussagefähig: Am 2.10.2018 war gerade der blutige und schändliche Mord am Journalisten Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul über die Bühne gegangen – mit einem 15-Mann-Tean, im Auftrag des saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Und warum? Der Nervus rerum: Saudi-Arabien soll der Formel E angeblich 260 Millionen Euro überwiesen haben, damit Riad die nächsten zehn Jahre die Formel E zu Gast hat. „Die Formel E fährt da, wo gut bezahlt wird. Da folgt sie ihrem historischen  und moralischem Vorbild, der Formel 1.“10 Zur Formel 1 vgl. auch meinen Beitrag auf der Webseite www.nolympia.de: Motorsport und Formel-1-Gelder

Weltweit elektrisch rasen. Ähnlich wie bei der Formel 1 müssen die Elektro-Boliden der Forel E – meist mit Großraum-Flugzeugen – über den ganzen Erdball transportiert werden: 1) Riad/Saudi-Arabien 15.12.2018; 2) Marrakesch/Marokko 12.1.2019; 3) Santiago de Chile/Chile 26.1.2019; 4) Mexico City/Mexiko 16.2.2019; 5) Hongkong 10.3.2019; 6) Sanya/China 23.3.2019; 7) Rom/Italien 13.4.2019; 8) Paris/Frankreich 27.4.2019; 9) Monte Carlo/Monaco 11.5.2019; 10) Berlin/Deutschland 25.5.2019; 11) Bern/Schweiz 22.6.2019; 12 und 13: New  York/USA 13. und 14.7.2019. (Rennkalender der Formel E)
Ein E-Rennwagen wiegt um die 800 kg; 22 davon starten bei jedem Rennen. Dazu kommen das gesamte Zubehör sowie die Ladestationen. DHL, die Tochter der Deutschen Post, ist weltweiter Logistikpartner der Formel E. „Für die Ersatzbatterien hat DHL ebenfalls spezielle Kisten zur Verfügung. Schließlich muss in ihnen die Temperatur über den gesamten Transport konstant bleiben.“11
Zur Kritik an der Formel 1 vgl. mein Stichwort in www.nolympia.de: Motor-Sport
Es ist einfach unbegreiflich, dass es in Zeiten der Klimakatastrophe diesen – fossil oder elektrisch betriebenen – Wahnsinn Autorennen überhaupt noch gibt.

Autoindustrie dabei. Bisher starteten Audi, BMW, Citroën, Nissan und Jaguar; 2020 machen noch Mercedes und Porsche mit. Der ehemalige Formel-1-Weltmeister von 2016 äußerte: „Die Elektromobilität wird den Rennsport mit Verbrennungsmotor ersetzen. Das ist ganz sicher, denn die ganze Welt geht Richtung Elektromobilität. Und eines Tages werden wir nur noch elektrisch unterwegs sein.“12

Fußnoten und Quellen:
  1. Busse, Axel, Mit 225 Sachen durch die City, in SZ 16.5.2015 [] []
  2. Wilms, Jan, Die Stromschnellen, in SZ 15.2.2014 [] []
  3. Hacke, Detlef, Zand, Bernhard, Schnell und leise, in Der Spiegel 36/1.9.2014 [] []
  4. Kacher, Georg, Formel Zeitgeist, in SZ 14.5.2016; Mayr, Stefan, Das große Umlenken, in SZ 28.7.2017 []
  5. Mayr, Stefan, Das große Umlenken, in SZ 28.7.2017 []
  6. Becker, Joachim, Feindliche Umarmung, in SZ 2.6.2018 [] []
  7. Weinzierl, Alfred, Endspurt der Ingenieure, in Der Spiegel 38/15.9.2018 [] []
  8. Grünweg, Tom, Wie der Blitz, in spiegel.de 13.11.2018 []
  9. Pander, Jürgen, Rasen für mehr Reichweite, in spiegel.de 12.12.2018 [] []
  10. Schneider, Philipp, Mordsidee, in SZ 15.12.2018 []
  11. Boblenz, Annett, Rennautos auf Reisen, in SZ 23.5.2019 []
  12. Jost, Klaus-Eckhard, „Es ist schade um den Sound“, in SZ 23.5.2019 []
von wz
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