Elektroauto Chronik eines Irrtums

Bio-Kapitalismus

B

Stand 14.6.2019

Kleiner Versuch über den Bio-Kapitalismus – und sein Ende

Ich würde lachen, wenn sie mit der Vernichtung der Welt vor dem Weltende nicht fertig werden würden.
Stanislaw Jercy Lec

Intro

Warum dieser Essay in meinem „Kritischen Elektroauto-Lexikon“ steht? Weil es sowohl beim Elektroauto als auch beim Bio-Kapitalismus viel um Illusionen geht.

Nach über vier Jahrzehnten Arbeit im Umweltbereich bleibt mir nur ein bitteres Resümee. Die Umweltpolitik der westlichen Hemisphäre ist weitgehend Symbolpolitik und verdeckt den permanenten Niedergang. Diverse Placebo-Aktivitäten zur vermeintlichen Rettung des Ökosystems verschleiern die reale Situation. Der von mir so bezeichnete „Bio-Kapitalismus“ ist Thema des vorliegenden Essays.

Die Gedanken zu diesem Essay – und meine Fotos aus einer „Alten Welt“ – entstanden bei meinen Wanderungen im Unterengadin im Oktober 2018. In der Natur wird erst deutlich, wie groß die kommenden Verluste sein werden. Und wegen der Trauer über diese Verluste entstand dieser Essay.

In Anlehnung an das alte Luther-Wort vom morgigen Weltuntergang: Auch ich pflanze heute noch Apfelbäumchen …

1 Der Kapitalismus triumphiert

Seit Beginn der Industrialisierung vor über 200 Jahren treibt der einsetzende Kapitalismus die Ausbeutung der Natur und damit die langfristige Selbstzerstörung voran. Der Kapitalismus agiert im 21. Jahrhundert dabei nicht wirklich anders als im 19. und 20. Jahrhundert: Er hat sich nur globalisiert und modernisiert. Geld regiert die Welt, hieß es früher. Heute regiert das Kapital die Welt – bis zum Ende nach seinem Gesetz: Die Reichen werden immer reicher und die Armen immer ärmer – und sie werden immer mehr. Die Entwicklung erinnert stark an die Parabel von den „Hunger Games“.

Großindustrielle Konzerne beuten weltweit Mensch und Natur aus. Digitalisierte Produktionsprozesse und internationale Warenströme sollen Wirtschaftswachstum und maximale Gewinne generieren. Die Welt wird seit langem nur noch als Ansammlung von auszubeutenden Ressourcen und Rohstoffen angesehen. Kapitalismus plus Großindustrie sind das global effizienteste und schnellste Mittel zum globalen ökologischen Zusammenbruch. Und dieser Prozess verläuft immer schneller.

Der osteuropäische Kapitalismus wird von neuen Zaren, Diktatoren und Oligarchen beherrscht, die möglichst viele fossile Energien und Rohstoffe an das Ausland verkaufen. Im feudalen arabischen Kapitalismus regieren Scheichs und andere Potentaten, die seit Jahrzehnten Erdöl und Erdgas global vermarkten. Im chinesischen Kapitalismus herrschen Staatsfunktionäre über die Wirtschaft und beuten im Namen des „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ Menschen und Natur aus: Dazu wurde gerade ein lückenloses Überwachungssystem mit 400 Millionen Kameras und ein soziales Bonus- und Malussystem eingeführt.

Der aktuelle US-Kapitalismus unter Donald Trump propagiert offen die grenzenlose Ausbeutung und Vernichtung (und Verachtung) der Natur: Er trägt menschenverachtende und faschistoide Züge. Industrie-Lobbyisten übernehmen Funktionen in staatlichen Umweltbehörden und in der Judikative und Legislative.

Die neue Entwicklung des Kapitalismus in Brasilien unter Jair Bolsonaro, einem Faschisten und offenen Anhänger der früheren Militärdiktatur, führt zu einer noch aggressiveren Abholzung des Regenwaldes und noch schonungsloseren Förderung von Bodenschätzen. Sojaproduzenten und Großgrundbesitzer übernehmen hier führende Funktionen im staatlichen Umweltministerium und werden die Natur noch rücksichtsloserer ausbeuten.

Die meisten Varianten des heutigen aggressiven Kapitalismus leugnen den Klimawandel, die verheerenden Folgen der weiteren Ausbeutung ökologischer Ressourcen und die damit verbundenen selbstgeschaffenen Umweltgefahren. Die industrielle Zivilisation hat seit Jahrzehnten die Weichen gestellt für ihren eigenen Untergang, der mit fataler Konsequenz im 21. Jahrhundert kommen wird. Und die Bedingungen dieses Niedergangs sind seit Jahrzehnten bekannt.

2 Der Bio-Kapitalismus

Der Bio-Kapitalismus ist eine pseudo-demokratische Variante des Kapitalismus im 21. Jahrhundert. Er hat sich im Westen entwickelt, vor allem aus Legitimationsproblemen. Speziell die sogenannten westlichen Demokratien verlangen nach den vermeintlichen Lösungsansätzen des Bio-Kapitalismus: nach Beruhigung.

Der Bio-Kapitalismus ist die konsequente Weiterentwicklung des Kapitalismus im 21. Jahrhundert: Er ändert nichts an den grundsätzlichen Strukturen und führt genauso geradlinig in den ökologischen Zusammenbruch. Er gewährleistet ebenso die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur, aber mit pseudo-ökologischen Vorzeichen. Der Bio-Kapitalismus reichert genauso das Meer mit Müll an, die Luft mit Abgasen, die Lebensmittel mit Schadstoffen und den CO2-Anteil in der Atmosphäre. (Dieser lag 1960 bei etwa 315 und Ende 2018 bei 405 Parts per Million: In nur sechs Jahrzehnten ein Anstieg von fast 30 Prozent.) Die Klimaerwärmung (besser: Heißzeit) kommt auch mit dem Bio-Kapitalismus stetig und unbeeindruckt. Und die Bedeutung des Wortes Irreversibler Prozess wird nicht verstanden und nicht ernst genommen.

Der Bio-Kapitalismus hat die Aufgabe, die Geschäfte des Kapitalismus in Reinkultur weiterzuführen, aber deren Destruktion hinter einem ökologischen Mäntelchen gut zu verbergen: also das alte Geschäft im neuen Gewand weiterbetreiben zu können. Der Bio-Kapitalismus zerstört den Blauen Planeten genauso effizient wie der Kapitalismus: aber dezenter, vermeintlich sauberer, grüner, sorgenfreier. Und er produziert eine Art Wohlfühl- und Wellness-Gefühl und beruhigt das Gewissen.

Es gibt nur noch ein falsches Leben im Falschen: alles bio, alles öko, alles sorglos. Verführerisch führt auch der Bio-Kapitalismus in eine augenscheinlich sehr sorgsam vorbereitete ökologische Katastrophe, deren Selbstzerstörung ignoriert wird. So grün war der Kapitalismus noch nie – und so beratungsresistent. Und die Zahl der ökologischen Hochstapler steigt rasant.

Der Bio-Kapitalismus täuscht bis zum Schluss vor, alles im ökologischen Griff zu haben, um es seinen Wählern, seinen Bürgern, seinen Konsumenten leicht zu machen. Dabei hat auch er auf allen Gebieten versagt. Und falls jemand je an radikale Maßnahmen zum Gegensteuern dachte, wurde er turnusmäßig und konsequent aus seiner Position entfernt.

Die Wikinger auf Grönland wurden von der kleinen Eiszeit überrascht und endeten kläglich. Die Bewohner der Osterinsel zerstörten ohne Bewusstsein ihres Tuns ihre Lebensgrundlagen durch Überbevölkerung und Kriege. (Die Parallele zur Osterinsel besteht im 21. Jahrhundert darin, angesichts drohender ökologischer Katastrophen die Militäretats zu erhöhen und die Kriege auszuweiten …) Die Menschen auf der Titanic waren bis zum Schluss guter Dinge: Passagiere und Besatzung ahnten nichts vom Eisberg.
Aber die industrielle Zivilisation wusste und weiß seit Jahrzehnten alles über den kommenden ökologischen Zusammenbruch und über dessen selbstverschuldete Gründe. Der Bio-Kapitalismus hat sie blind, taub und dumm gemacht. Der Bio-Kapitalismus ist eine Art Endzeit-Kapitalismus, der unbeirrt und beratungsresistent voranschreitet.

3 Die Instrumente des Bio-Kapitalismus

Der Weg zur Hölle ist mit guten, neuerdings grünen Vorsätzen gepflastert. Der Weg zum Ende des Blauen Planeten ist mit Konferenzen und Gremien, Gesetzen und Vorschriften geordnet.

Der Bio-Kapitalismus braucht: unzählige Umweltminister, umfangreiche Umweltgesetze, Umweltparteien, Umweltverbände, Umweltgruppen. Sie alle sollen zum Mitmachen einladen, sie verbreiten Sicherheit und beruhigen.

Dazu kommt ein ganzes Repetitorium von Begriffen wie Ökologie, Umweltschutz, Nachhaltigkeit, Naturschutz, Artenschutz etc. plus jede Menge internationaler Abkommen und Absichtserklärungen. Von 1995 bis 2018 gab es 24 internationale Klimakonferenzen, die keine tatsächlichen Korrekturen gebracht haben, im Gegenteil. Die Botschaft ist: Alles wird gut. Das Ziel: Beruhigung. In Wirklichkeit schreitet die industrielle Zivilisation konsequent auf ihren Niedergang zu.

Dann braucht es staatliche Institutionen und Parteien, die im Auftrag der Konzerne all das aushebeln, aufweichen, in die Schranken weisen, was den Konzerninteressen im Weg steht – siehe das Beispiel Dieselskandal. Und Gerichtsurteile, die in 95 Fällen den Wirtschaftsinteressen Sorge tragen und in fünf Prozent in geringen Maß denen der Natur – zur Beruhigung der Naturschützer.

Dazu sind auch ideologische Institutionen nötig, welche die Gefahren leugnen – zum Beispiel die der globalen Überbevölkerung. Die Katholische Kirche lehnt Empfängnisverhütung bis heute ab, und im Oktober 2018 verglich der Papst die Abtreibung mit der „Inanspruchnahme eines Auftragsmörders“. So wird die Weltbevölkerung ungehindert weiter anwachsen: Für den Kapitalismus sind das alles kommende Konsumenten, die Wirtschaftswachstum generieren.

Weiter werden gebraucht: Presse, Medien, Handlanger, Publizisten, welche den wirklichen Niedergang und den aktuellen Stand des Zusammenbruchs in guter oder naiver oder bösartiger Absicht verschleiern oder herunterspielen.

Dazu wurden von den Konzernen zahllose Agenten und Agenturen gegründet und eingesetzt zur Vermeidung von realistischen Informationen: finanziert von Wirtschaftsverbänden und interessierten politischen Kreisen. Ganze Heerscharen von bezahlten Wissenschaftlern lieferten und liefern Begründungen, warum alles zu schlimm dargestellt würde, warum man nicht wüsste, ob dies überhaupt alles so eintreten würde – geschweige denn, ob die drohenden Konsequenzen und Bedrohungen real seien. Ein Beispiel sind die diversen pseudowissenschaftlichen Untersuchungen der „Klimaskeptiker“, die unter anderem von der Erdöl- und Kohleindustrie der USA bezahlt werden.

Die so unlogische wie offensichtliche Absicht des Industriesystems ist: Selbstzerstörung. Die Natur wird mit brachialer Konsequenz ausgebeutet, verschmutzt, verbraucht, bis am Ende die eigenen Lebensgrundlagen zerstört sind. Das ist historisch einmalig: Eine Weltbevölkerung macht mit vereinten Kräften den eigenen Planeten unbewohnbar.

Dabei war alles seit langem bekannt und absehbar. „Die Grenzen des Wachstums“, der erste Bericht des Club of Rome, datiert von 1972. Seit dem 20. Jahrhundert ist die drohende Klimakatastrophe bekannt: ohne wirkliche Korrekturen in Politik, Industrie und Wirtschaft. Allein der Verkehrssektor soll global bis 2050 noch einmal um die Hälfte ansteigen. Der neue Flughafen von Istanbul ist auf 200 Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt – und viele neue Flughäfen sind im Bau … (Solche Bauwerke gehören zu den von mir so genannten Pharaonenbauten. Nähere Ausführungen unter Das System des Homo industrialis)

Die Verschmutzung der Meere und der Atmosphäre ist ebenfalls seit Jahrzehnten bekannt. Schon lange vor dem befürchteten Aussterben von Vögeln und Insekten hatten zahllose Studien ergeben, dass es irgendwann keine Vögel und keine Insekten mehr geben wird. Auch diese Studien blieben folgenlos wie so vieles. Die Arten starben immer schneller aus. Man errichtete ihnen Biotope und Denkmäler.
Die wertvolle, nicht ersetzbare und einzigartige Rolle der Natur wurde nie gewürdigt, nie akzeptiert und nie richtig verstanden.

Ungezählte Bücher und Studien und Papiere zur Umwelt und Ökologie informierten und informieren seit Jahrzehnten ehrlich und engagiert über die kommenden Gefahren. Aber die Anhänger des Bio-Kapitalismus informierten effizienter und mit machtvoller Unterstützung der Staaten und dem Versprechen, dass alles dann doch noch und irgendwann und letztendlich gut werden wird. Aber Schluss wird erst sein, wie es früher hieß, wenn das letzte Auto mit dem letzten Tropfen Sprit (oder der letzten Kilowattstunde) zum Friedhof gefahren wird… Oder in der klimatischen Heißzeit die letzten Pflanzen verdorrt sind.

Ehrlicherweise könnte man umgehend all jene der Beruhigung dienenden Legitimationsinstanzen abschaffen, die eine Pseudo-Rettung der Natur vorgaukeln: zum Beispiel Umweltministerien und Umweltminister. Der tatsächliche Effekt wäre gleich Null, und die Natur ginge kaum rascher oder langsamer ohne diese Placebo-Institutionen zugrunde.

Der derzeitige US-Präsident ist da ganz brutal offen und zeigt das wahre Gesicht des Industriesystems. Trump gibt gar nicht erst vor, dass ihm Natur etwas bedeutet. Er setzt gleich Energielobbyisten als Direktoren der Umweltbehörden ein, Finanzleute als Vertreter in den internationalen Umweltgremien und Rüstungsindustrielle als Handelsherren.

Und wir, die wir den ökologischen Niedergangs über Jahrzehnte beobachtet und kritisiert haben: Wir sind nicht einmal Hofnarren. Die Hofnarren durften als Einzige am Hof ohne Bestrafung die Wahrheit sagen. Wir dagegen sind Irrende, die wirklich glaubten, etwas retten zu können: eine Art Bio-Sisyphos. Auch hier wird alles vergebens gewesen sein. (Ich empfinde es nach über 40 Jahren Tätigkeit im Bereich der Ökologie durchaus auch als persönliche Niederlage, dass es uns allen nicht gelang und gelingen konnte, diesen Selbstzerstörungsprozess zu stoppen.)

4 Der zufriedene Konsument

Eco-Drive, CO2-frei, naturnah etc.: Produkte ohne die Attribute „bio“, „nachhaltig“, „umweltfreundlich“, „ökologisch“, „klimaneutral“ waren schon lang vor dem Untergang nicht mehr zu verkaufen. Die Adjektive und EDV-Satzbausteine aus dem Vokabular der Trickser und Täuscher, Gesundbeter und Geschäftemacher hatten und haben Hochkonjunktur: und versprechen das grüne Paradies auf Erden kurz vor Schluss. Technologie transformiert zur Bio-Technologie, Chemie firmiert als Bio-Chemie, die Ökonomie verwandelt sich zur Bio-Ökonomie. Und das Werkzeug zur Überwachung heißt: Bio-Metrie.

Der Konsument fährt beruhigt Elektroautos, für deren Strom mit erneuerbaren Energien die letzten naturbelassenen und ungenutzten Gebiete und die letzte Wildnis geopfert werden. Der Konsument kauft schwere Autos, die ihm als umweltfreundlich verkauft werden: BlueMotion eben. Der Konsument tankt mit gutem Gewissen Bio-Sprit, der für die Abholzung Hunderttausender Quadratkilometer Regenwald sorgt, genauso wie das Soja für die Massentierhaltung. Der Konsument zerschmettert mit einem wohligen Gefühl seine intakten Glasflaschen im Container. Der Konsument entsorgt seinen Plastikmüll in der Plastiktonne oder im gelben Sack, deren Inhalt dann nach China oder anderswo exportiert wird. Der Konsument im Bio-Kapitalismus ist: völlig korrekt.

Was der Bio-Kapitalismus geschafft hat: die Diskussion über Einschränkung, Null-Wachstum, Rückbauten, materielle Abrüstung zu beenden. Nur Spaßverderber fordern Verzicht, predigen Bescheidenheit, warnen vor Wachstum, wollen ein anderes Leben, wirkliche Alternativen … Aber das ist alles bäh, negativ, unproduktiv, turnt ab. Das will der Konsument im Bio-Kapitalismus gar nicht wissen: Denn Verschwendung ist Trumpf und geil.

Und wenn es doch einmal ernster wird in Deutschland, kämpft die „Klimakanzlerin“ (realistischer: Autokanzlerin) gegen schärfere CO2-Grenzwerte und kündigt im Oktober 2018 die Aufweichung der Gesetzgebung für die Stickoxid-Grenzwerte beim Diesel an: ganz im Sinn der Autoindustrie. Den Kohlekonzernen wird vom Staat die Zerstörung ganzer Landschaften erlaubt. Und selbst ein so kleines Zeichen wie ein Tempolimit auf Autobahnen wird in Deutschland seit Jahrzehnten nicht geduldet.

Denn der Konsument soll sich ja wohlfühlen im Bio-Kapitalismus.

Und so hatten sich merkwürdigerweise alle bis zum ökologischen Zusammenbruch auf eine heimelige Art und Weise wohl gefühlt. Nach wie vor wurden weltweit riesige Fabriken zur Befriedigung der vielfältigen Nachfragen gebaut. Die globalen Warenströme wuchsen wie der Energieverbrauch. Die begüterten Konsumenten kauften weiterhin ihre riesigen Geländewagen: Audi bringt den Q9 auf den Markt, BMW plant den X7 und danach den X9. (Und es glaube niemand, dass sich die Herrenmenschen in ihren dicken SUVs – ob fossil oder elektrisch betrieben -, für Natur und Umwelt interessieren.) Die begüterten Konsumenten bauten sich ihre Gated Communities und flogen so viel wie nie um den Erdball. Die Müll-Berge wurden immer größer, der Plastik-Müll in den Ozeanen immer mehr. Und der CO2-Anteil in der Atmosphäre stieg unaufhörlich weiter.

5 Bio-Energien

Der Preis des grenzenlosen Ausbaus der erneuerbaren Energien zur Beibehaltung unserer Verschwendungswirtschaft ist hoch und kostet den letzten Lebensraum von Fauna und Flora, vernichtet Landschaft und Ästhetik. Der Bio-Kapitalismus verfeuert in immer größeren Dimensionen alles, was zur Verfügung steht: die fossilen, die atomaren und die erneuerbaren Energien. Die Wälder werden schonungslos für „Bio-Masse“ geplündert, bis sie zusammenbrechen. (Vgl. auch: Erneuerbare Energien)

In einer Studie wurde 2018 in einer Modellanalyse ermittelt, dass durch deutsche Windkraftanlagen 1200 Tonnen Fluginsekten pro Jahr getötet werden. Besonders bedenklich: „… dass der heute in Deutschland installierte Windpark deutlich mehr Insekten (bis zu 3600 t/a) töten würde, wenn diese verfügbar wären und die Insektendichte in der Luft aus irgendeinem Grund wieder ansteigen würde“. Im Gegensatz zu den Insekten nehmen die Windparks noch permanent zu. Die Fluginsekten nutzen die Thermik mit günstigen Windströmungen aus, genau wie die Vögel auf  ihren saisonalen Flugrouten, wo sie  dann, wie eine andere Studie zeigt, an „Flaschenhälsen“ wie z. B. Gibraltar in Kollision mit dort aufgestellten Windrädern geraten.

Die Fahrer von Elektroautos fühlen sich nicht betroffen von Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung: weil die Elektromobilität ja vorgeblich so sauber und klimaneutral ist. Die Elektroautos werden verlogen als „Zero-Emission“-Fahrzeuge gewertet: als angeblich CO2-frei. Dadurch konnten für jedes Elektro-Auto die Emissionen schwerer fossilbetriebener Auto-Boliden mehrfach gegengerechnet werden.

Die „Energiewende“ vernebelt die Gehirne und verbreitet die Überzeugung, dass Energie unbegrenzt verfügbar, sauber und umweltfreundlich sei. Erneuerbare Energien sind das Glanzstück des Bio-Kapitalismus. Wasserkraft, Biomasse, Windenergie, Sonnenenergie und neuerdings Bio-Kersosin gaukeln vor, dass alles sauber, öko, bio, astrein, CO2-frei sei – ohne negative Folgen.

Eine weitere Botschaft des Bio-Kapitalismus: Erneuerbare Energien kann man gar nicht verschwenden. Ökostrom ist völlig sauber, Clean Energy. Grenzenloses Wachstum und ungebremster Konsum ist damit endlich gewährleistet, und niemand muss sich mehr Sorgen machen, auch nicht über die Wegwerfgesellschaft. Schließlich gibt es Glascontainer, Recyclingzentren und Wertstoffhöfe: Schöner Wegwerfen.

Das ist auch eine neue Methode, Diskussionen über Verzicht und Einschränkung und den Fragen eines als sinnvoll und vertretbar erachteten Lebens entgegenzutreten – und der Frage, wie belastbar unser Blauer Planet ist.

6 Die endgültige Zerstörung der Natur

Wie viele bewegende Fernsehfilme und alarmierende Medienbeiträge haben engagiert seit Jahrzehnten bis heute über den Niedergang der Natur berichtet: von bedrohten Species, von letzten Refugien und Rückzugsgebieten (die dann durch den einsetzenden Öko-Tourismus an diese Orte endgültig zerstört wurden). Wie viele Jahrzehnte wurde über Klimaerwärmung und Insektensterben, die Folgen der Abholzung der tropischen Wälder und die dramatischen Folgen der Überbevölkerung berichtet: anscheinend überflüssige Sendezeiten.

Wachstum all überall: Weltbevölkerung, globale Güterproduktion, internationaler Verkehr, Flugverkehr, Energieverbrauch … Der Wachstums-Fetisch sorgte in Westeuropa auch für das Totschlagargument Wohnungsbau, mit dem sich die Zerstörung der letzten Grünflächen rechtfertigen ließ. Und die Immobilien- und Baubranche betoniert weiter. Für München stellte die städtische Planungschefin 2018 verwundert fest: Wohnungen sind knapp, Gewerbeflächen sind knapp, und Grünflächen sind auch knapp.

Die rein pekuniäre Sichtweise ist fatal: Gärten, Wildnis, Natur sind nur noch ungenutzte Immobilien, die einer Nutzung zugeführt werden müssen. 2018 wurde im Münchner Norden ein Grundstück mit einem kleinen Häuschen auf 1000 Quadratmeter Grund verkauft: für fünf Millionen Euro. Diese Spekulationspreise bedeuten das Ende von Gärten und Wildnis: Jeder Quadratmeter Grund und Boden wird maximal ausgenutzt, und übrig bleibt ein erbärmliches Tiefgaragenbegleitgrün. Keine Rotkehlchen und Spechte mehr, keine Igel, keine Bienen, keine Hummeln: Für sie ist leider kein Platz mehr im Bio-Kapitalismus.

Was sagten die Ökologen schon im ausgehenden 20. Jahrhundert: Die Menschheit verhält sich, als ob sie eine zweite Welt im Kofferraum hätte. Das ist im 21. Jahrhundert nicht anders.

7 Das Mantra des Untergangs: Digitalisierung

Das Mantra des Untergangs ist Digitalisierung. Ihr darf nicht widersprochen werden, sie ist weltweit sakrosankt. Die Forderung nach ihrer bedingungslosen Durchsetzung haben die Konzerne in den meisten Ländern in den Parteiprogrammen unterbringen lassen. Es ist für sie nicht nur ein Geschäft wie jedes andere: Es ist ein sehr gutes Geschäft. Ein erwünschter Nebeneffekt ist die lückenlose Überwachung der gesamten Weltbevölkerung. So wird die Digitalisierung zu einer Art Rattenfänger 4.0. – ein vermeintlicher Heilsbringer, der sich geradewegs in sein Gegenteil verkehrt. Die digitalen Lemminge marschieren unaufhaltsam voran. 5G-Netze, autonomes Fahren, Taxidrohnen etc: Freudig wird jede neue ökologische Büchse der Pandora geöffnet.

Lost generations, digitised.
Oktober 2018, in einem Engadiner Berghotel: Die Eltern sitzen mit ihren vier Töchtern am Tisch. Sechs Smartphones liegen vor ihnen. Die jüngste Tochter, vielleicht 14, ist am abhängigsten und nimmt alle fünf Minuten ihr Smartphone in die Hand.
Dezember 2018 in einer Bar: Zwei Mütter unterhalten sich, wenn sie nicht gerade auf ihre Smartphones schauen. Ihre Kinder sind digital ruhiggestellt. Zwei etwa fünfjährige Mädchen schauen gemeinsam in ein kleines Tablett. Der sechsjährige Sohn schaut in sein Smartphone.
Auch die Pärchen, die sich am Tisch anschweigen und in ihre Smartphones starren, gehören inzwischen zum Alltag im globalen Kapitalismus, wie die Passanten auf den Straßen oder in den Verkehrsmitteln, die für nichts sonst mehr Augen haben. Im Durchschnitt nimmt ein Smartphone-Besitzer (oder besser: ein digitaler Drogensüchtiger) sein Gerät am Tag 150-mal in die Hand.
Und was wird aus den Babys und Kindern, die hoffnungsvoll ihre Mütter ansehen, die in ihr Smartphone schauen?

Um 1970 hieß es: Hauptsache, die Musik ist laut genug, damit wir nicht hören, wie die Welt zusammenbricht. Heute könnte man sagen: Hauptsache, das Smartphone ist nah genug an unseren Augen, damit wir nicht sehen, wie die Welt zusammenbricht.

Menschen ohne ihr Smartphone sind tragische und traurige Gestalten. Vielleicht hätte sich künftig bei den jungen Digitalen durch den permanenten Gebrauch eine Schutzhand für das Gerät ausgebildet: mit einer Art Knochenüberwölbung als Halterung. Aber dafür war die Evolutionsbiologie zu langsam – und die Cerebral-Implantate kamen zu schnell.

Jetzt kommt nach dem Smartphone das Smarthome, ein neuer riesiger stromfressender Markt. Ein hoher Amazon-Manager äußerte dazu: „Die Kinder von heute wachsen in einer Umgebung auf, ohne sich an den Tag erinnern zu können, wo sie nicht mit ihren Häusern sprachen.“

Letztlich ist das digitale Leben vom „Coffee-to-go“ abgeschaut und wird durch das „Life-to-go!“ ergänzt. Mit Brot und Spielen respektive Youtube und WhatsApp seelenruhig und gut gelaunt in die Katastrophe … Freud sprach in diesem Zusammenhang von Todestrieb.

Sinnlos gehen die Jahrzehnte im digitalen Leben vorbei und machen daraus: vergeudete Lebenszeit. Das betrifft inzwischen Milliarden von Menschen, unabhängig, welche Hautfarbe und Geschlecht sie haben, welche Sprache sie sprechen, wo sie zuhause sind – und ob sie arm oder reich sind. Es funktioniert global.

8 Kurz vor Schluss

Es gab kurz vor dem Zusammenbruch des Bio-Kapitalismus natürlich auch unzählige Öko-Parteien.

Dazu bildeten sich fast stündlich nationale und internationale Komitees und Organisationen zur Rettung der Welt, des Klimas, der Natur – wie all die Jahre schon vorher, aber noch schneller. Der Slogan aus dem 20. Jahrhundert gilt nach wie vor auch im 21. Jahrhundert: Je weniger Natur es gibt, umso mehr Naturschützer gibt es.

Weitere zahllose Aktivitäten gegen Chemie und Luftverschmutzung, Initiativen für Eisbären und Insekten bildeten sich. Aber sie kamen zu spät angesichts des Totalverlustes des Eises der Arktis und der totalen Zerstörung der Lebensräume für Fauna und Flora durch Vernichtung, Überbauung, Klimaerhitzung.

Die Menschen in den nördlicheren Ländern versuchten, sich im Freien im Schatten von Gebäuden aufzuhalten. Den Schatten der Bäume gab es hier schon lange nicht mehr. Und in den Gebäuden liefen die Klimaanlagen heiß.

Über die Menschen in den südlicheren Gefilden des ehemals Blauen Planeten wurde nicht mehr gesprochen.

9 Endlich Endzeit

Die Klimakatastrophe bedeutete nicht nur endlose Flüchtlingsströme, sondern vor allem: verhungern. Kein Obst und keine Feldfrüchte mehr, kein Getreide, kein Brot…

Die letzte Generation der global entwickelten Kunstnahrung war ein Desaster für die Weltbevölkerung. Aber schließlich waren auch dafür keine Transporte mehr möglich.

Wie wird das Ende aussehen? Mit Sicherheit stromlos. Das Internet war eine der ersten technischen Infrastrukturen ohne Elektrizität. Banken und Betriebe, Mobilfunkbetreiber und Molkereien, Flughäfen und Funkmasten, Restaurants und Rüstungskonzerne: stromlos. Apple, Amazon, Google, Facebook, Youtube: dunkel.

Die gechippten Menschen konnten von den Überwachungsgeräten nicht mehr erkannt werden: Sie hatten plötzlich keine Identität mehr. Auch die Fingerabdruck-Lesegeräte erkannten niemand mehr: Für ihre Nutzer blieben damit die eigenen Türen verschlossen. Apps und WhatsApp lieferten nicht mehr. Die Iris-Scanner arbeiteten auch nicht: Damit konnte auch kein Geld mehr von den Geldautomaten abgehoben werden. Aber was hätte man schon für Geld noch kaufen können?

Und was werden die Smartphone-Junkies ohne Smartphone machen? Ohne die sozialen Netz- und Hetzwerke? Ohne das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden? Ohne die so genannten digitalen Freunde?

Menschliche Verständigung wurde über die digitalen Jahrzehnte verlernt. Soziale Verhaltensweisen gingen verloren und von den „Sozialen Medien“ zerstört. Hilfestellungen wurden vergessen. Nichts von früher war noch vorhanden.

Auch die Künstliche Intelligenz fiel wegen Strommangels aus: Und eine andere Intelligenz gab es nicht mehr.

10 Fragen

Werden die Endzeit-Menschen das alles klaglos hinnehmen?
Werden sie sich wehren, wird doch noch jemand Widerstand leisten?
Wird ihnen das alles unabänderlich vorkommen?
Werden sie irgendetwas bereuen – und wenn ja, was?
Werden sie im Nachhinein etwas ändern wollen?
Werden sie den Bio-Kapitalismus verdammen – oder ihn immer noch loben?
Und was werden die Jungen über die Generationen vor ihnen denken, die die Zukunft der Jungen  so grausam wie systematisch verhindert haben?
Und wann werden die Jungen anfangen, sich zu wehren?

Wer weiß.

 

von wz
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