Elektroauto Chronik eines Irrtums

Better Place

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Aktualisiert 6.3.2020

Der Elektroauto-Unternehmer Shai Agassi gründete 2007 sein Unternehmen „Better Place“, das in Kooperation mit Renault-Nissan Elektroautos mit einem 250 kg schweren Tausch-Akku produzierten soll, der in wenigen Minuten gewechselt werden kann und nur vermietet werden soll. Mitte Mai 2009 stellte Agassi in Yokohama eine Wechselstation vor, die in 40 Sekunden den Akku tauscht. Ab 2011 sollen mit Renault entwickelte Elektroautos in Israel fahren, die über 150.000 Steckdosen und 100 Wechselstationen versorgt werden sollen.1

Problem der Akku-Schnellladung. Christian Wüst dazu im Spiegel: „Dass der Akku möglichst lange hält, ist für den Hersteller dennoch von vitaler Bedeutung. Eine Batterie, wie Renault sie verbauen will, kostet heute gut 20.000 Euro. (…) Genau dieser Umstand macht das Wechselkonzept heikel. Möglichst schonend wird eine Batterie mit moderatem Stromfluss über mehrere Stunden geladen. Blitzladungen in etwa 30 Minuten sind möglich, aber strapaziös. Die Lebensdauer des Akkus sinkt deutlich. Agassis Konzept aber funktioniert nur mit Schnellladung. Anderenfalls müssten an den Wechselstellen Tausende Batterien zwischengelagert werden. Der Strom-Drive-in würde zu teuer. Wenn die Akkus jedoch im Ladestress zu früh verenden, geht die Rechnung auch nicht auf – ein klassisches Dilemma.“2
Und Dirk Asendorpf schrieb in der Zeit: „Noch teurer ist die Idee des israelischen Unternehmers Shai Agassi. Unter dem Namen Better Place will er in Israel und Dänemark ein Netz von Akku-Tauschstationen aufbauen. Ein leeres Elektroauto muss dann zum Nachladen nicht mehr für Stunden ans Kabel, sondern kann die Fahrt nach wenigen Minuten mit einem frischen Akku fortsetzen. Nachgeladen werden muss natürlich trotzdem. An den Tauschstationen stehen dann Milliardenwerte herum und wären zu finanzieren – zusätzlich zu den Akkus in den Fahrzeugen.“3

Shai Agassi äußerte im SZ-Interview im Februar 2010 zu Better Place, dass das Unternehmen genau im Plan sei und in der zweiten Hälfte 2011 starten würde: zunächst in Dänemark und Israel, dann in Australien. Es stünden 700 Millionen Dollar von Investoren zur Verfügung.4
„Dieses ist das beste Programm der Welt zum Ersatz von Erdöl. Hier entsteht wahrscheinlich eines der größten Unternehmen der Welt. Bedenken Sie: Wir haben das Äquivalent für Benzin zum Preis von einem halben Euro pro Liter. In zwei Jahren wird es runtergehen auf ein Viertel.“4

Unterstützung von Israel. Bis 2016 will Agassi vom Renault-Konzern 100.000 Fahrzeuge abnehmen. Der israelische Ölmagnat Idan Ofer investierte 200 Millionen Dollar in Better Place. Israel unterstützt Agassi, indem es nicht die üblichen 72 Prozent Importsteuer auf Autos erheben will. „Möglich wird das nur, weil sich Agassis Geschäfts- und Weltrettungsinteresse mit dem nationalen Interesse Israels trifft. Denn mit den Elektroautos könnte den feindlichen arabischen Nachbarn langfristig die Ölwaffe entwunden werden.“5

Agassi abgelöst. Im Oktober 2012 wurde Agassi wegen fehlender Fortschritte und dreistelligen Millionenverlusten abgelöst. „Seit Beginn des Verkaufsstarts in diesem Jahr hat Better Place nur knapp 500 Autos auf die Straße gebracht, am zweiten Standort Dänemark sind es nur 200. Dies ist enttäuschend für das mit viel Kapital und viel politischer Unterstützung ausgestattete Projekt. Agassi hatte nicht nur 800 Millionen Dollar von israelischen und internationalen Geldgebern gesammelt, sondern war in Israel von höchster Stelle protegiert worden. (…) Fast 500 Millionen Dollar Verlust hat das Unternehmen seit 2010 gemacht, allein im zweiten Quartal 2012 waren es 66 Millionen Dollar.“ (München, Peter, Batterie leer, in SZ 13.10.2012))

Better Place im Februar 2012: „Am Flughafen in Amsterdam steht die neueste Wechselstation, wo Elektroautos vollautomatisch einen neuen Akku bekommen. (…) Alles funktioniert dabei vollautomatisch: Das Auto wird an der Einfahrt erkannt. Man fährt auf eine Spur wie in einer Waschanlage, dann wird, wenn es nötig ist, der Unterboden gesäubert, danach öffnet sich eine Luke unter dem Fahrzeug. Ein Roboter entfernt die Bodenplatte und zieht den Akku heraus, der etwa auf Höhe der Hinterachse, zwischen Rückbank und Kofferraum, eingebaut ist. Dann holt der Roboter eine aufgeladene Batterie und setzt sie ein. Der ganze Austausch dauert weniger als fünf Minuten, der Fahrer braucht nicht einmal auszusteigen. Acht Batterien lagern in jeder Wechselstation, mindestens eine davon ist mit einer speziellen Technik immer zu 100 Prozent geladen. (…) Etwa 750 Autos mit Wechselbatterien sind nach Angaben von Better Place zurzeit in Dänemark und Israel unterwegs. In ein paar Jahren sollen es mehrere Tausend sein.“6
Im Mai 2013 war Better Place insolvent.

E-Roller mit Batterietausch. Der Motorrollerhersteller Kymco aus Taiwan will demnächst neue Elektro-Roller mit Tausenden Wechselstationen für die Akkus auf den Markt bringen.7

Der Nachahmer: NIO ES8. 7-sitziger SUV, Länge 4,97 cm, wechselbare Batterie, ab umgerechnet 57.000 Euro. (Wikipedia) Gewicht 2,5 Tonnen, 480 kW, Reichweite 500 Kilometer, seit Juni 2018 im chinesischen Handel.
„Mitte November informierte das Start-up über die Einweihung seines ersten Wechsel-Netzwerks – und versprach Elektroauto-Besitzern zwölf kostenlose Batteriewechsel im Jahr.“7
NIO ES8: Wechselzeit mit Robotereinsatz drei Minuten; derzeit 18 Ladestationen auf dem Expressway G4 von Peking nach Macau, die jeweils fünf Akkus Vorrat haben. Bis 2020 will Nio 1000 Ladestationen aufstellen: Da ein Elektroauto den CO2-Rucksack mitschleppt, ist die Lösung mit Wechselstationen noch klimaschädlicher.8

Nächste Generation von Renault. Der Morphoz, ein elektrisches Konzeptauto von Renault, kann Heck und Front um jeweils 20 Zentimeter ausfahren und dadurch zusätzliche Akkus aufnehmen. Damit erhöht sich die Reichweite von 400 aus bis zu 700 Kilometer. An Renault-Wechselstationen können vollautomatisch zusätzliche Akkus installiert bzw. nicht benötigte abgegeben werden. „Die Ladekapazität variiert zwischen 50 kWh (‚City-Mode‘) bis 90 kWh (‚Travel Mode‘).9 Der Morphoz soll auch die neue modulare Plattform von Renault, Nissan und Mitsubishi vorstellen: die „Common Module Family-Electric Vehicle“ (CMF-EV).

  1. Dachs, Gisela, Wunderkind mit Vision, in Die Zeit 19.6.2008; Einmal vollladen bitte, in Die Zeit 20.5.2009 []
  2. Wüst, Christian, Kraft aus der Schublade, in Der Spiegel 34/2009 []
  3. Asendorpf; Dirk, Die Mär vom emissionsfreien Fahren, in Die Zeit 17.9.2009 []
  4. Büschemann, Karl-Heinz, „Man bekommt nicht 700 Millionen Dollar für ein Lächeln“, in SZ 15.2.2010 [] []
  5. Münch, Peter, Batterien für alle, in SZ 30.4.2010 []
  6. Dürr, Benjamin, Tauschen statt Tanken, in spiegel.de 24.2.2013 []
  7. Fromm, Thomas, Müde Pferde, leere Akkus, in SZ 31.12.2018 [] []
  8. Grünweg, Tom, Akku, wechsel‘ dich, in spiegel.de 9.2.2019 []
  9. Wittler, Martin, Renault Morphoz: frohe Botschaft, in spiegel.de 6.3.2020 []
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