Elektroauto Chronik eines Irrtums

Juni 2018

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VW in China. Das chinesisch-deutsche Gemeinschaftsunternehmen FAW-Volkswagen wird drei neue Produktionsstätten in Qingdao, Tianjin und Foshan eröffnen, um die Elektromobilität zu forcieren, aber auch um Sport Utility Vehicles zu produzieren. „Außerdem will die Volkswagen Group China demnach in den kommenden sieben bis acht Jahren 40 lokal produzierte Autos mit Elektroantrieb auf den Markt bringen. Ab 2025 an sollen jährlich 1,5 Millionen Elektroautos vom Band rollen. Schon zuvor war bekannt geworden, dass Volkswagen und seine Partner in China bis Ende 2022 rund 15 Milliarden Euro in die Entwicklung elektrisch angetriebener Autos und in das autonome Fahren investieren wollen. Außerdem stellte VW eine neue Marke für Elektrofahrzeuge vor, die den Namen Sol tragen soll. Deren Autos sollen zusammen mit dem Joint-Venture-Partner JAC für den chinesischen Markt produziert werden.“1

Nur ein Beispiel: 3.6.2018 – Kurzschluss am Hamburger Flughafen. Ein Beispiel für die Anfälligkeit von Hightech-Infrastruktur lieferte ein Kurzschluss am Hamburger Flughafen, wobei 30 .000 Menschen betroffen waren. Der Flughafen war einen Tag außer Betrieb durch eine schadhafte Isolierung an einem Kupferkabel: Damit wurde das interne Blockheizkraftwerk stillgelegt. „Die Notstromversorgung funktionierte nur eingeschränkt. 42 Kabel auf 540 Metern Länge mussten ausgetauscht werden. ‚Die Systeme werden bei einem solchen Vorfall heruntergefahren‘, sagte Jürgen Ripperger, Leiter der technischen Entwicklung beim Elektronik-Verband VDE (…) So ein Blackout bedient moderne Ängste, denn ohne Strom steht das Leben fast still. Im Mai erlebte die Stadt Lübeck den Totalausfall: Vier Stunden lang ging kein PC mehr und kein Kühlschrank. Polizisten mussten den Verkehr regeln. ‚Wir sind mittlerweile extrem abhängig von elektrischer Versorgung‘, sagt Ripperger.“2
Was der Hamburger Flughafen-Blackout mit dem Elektroauto zu tun hat? Dessen Versorgung erfordert eine völlig neue Mittelspannungsregelung – mit entsprechenden Schwachstellen, Gefahrenpunkten und Überlastungen in der Infrastruktur.

Studie der Fraunhofer-Gesellschaft: Zehntausende Jobs gefährdet. Bei der Produktion von Elektroautos entfallen viele bewegliche Teile und die Einheiten zur Steuerung des Verbrennungsmotors, die für einen Benzin- oder Dieselmotor nötig sind. Auch ist der mögliche Automatisierungsgrad beim Bau eines Elektromotors mit rund 25 verschiedenen Bauteilen niedriger als beim Bau eines konventionellen Motors mit über 1000 Teilen – plus Getriebe.3 „Eine Studie des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), die am 4.5.2018 in Frankfurt vorgestellt wurde, prognostiziert einen Verlust von rund 75.000 Arbeitsplätzen aus: darin sind die 25.000 Stellen für die elektrischen Einheiten und Akkus schon enthalten. „Nicht unbedingt eine originelle Ergänzung: Beschäftigte von kleinen Zulieferbetrieben in strukturschwachen Regionen wären der Studie nach am schwersten betroffen.“3
Derzeit beschäftigt die deutsche Autoindustrie rund 840.000 Beschäftigte, davon 210.000 im Bereich Antriebstechnik. Falls bis 2030 der Anteil von Elektroautos bei 25 Prozent liegen sollte, könnten 109.000 Arbeitsplätze wegfallen.2

Neues vom Diesel-Skandal. Unter Audi-Chef Rupert Stadler wurde die sogenannte Defeat Device entwickelt, die Schummel-Software, mit der die Dieselmodelle von VW-, Audi- und Porsche den Prüfstand-Modus erkannte und dann die Stickoxid-Emissionen absenkte. Dass begann ungefähr 2007, und im September 2015 kam der Diesel-Skandal dann in den USA heraus. Stadler will von all dem nichts bitbekommen haben – genauso wie bei VW sein Kollege Martin Winterkorn. „Die für Audi zuständige Staatsanwaltschaft München II wirft Stadler vor, dieser hätte von Ende 2015 an dafür sorgen müssen, dass in Europa nicht länger Fahrzeuge aus Ingolstadt und anderen Werken mit manipuliertem Abgassystem auf den Markt kommen. Die Vorwürfe beziehen sich also nicht auf die jahrelangen dubiosen Praktiken im eigenen Unternehmen bis 2015, sondern darauf, wie er sich nach Beginn der Affäre verhielt: Offenbar abwartend, zögernd, statt durchzugreifen, und damit neue Verstöße gegen Vorschriften riskierend. Klagen, Stadler habe die Dinge treiben lassen, gibt es schon lange. Aus der Bundesregierung, nachdem das Verkehrsministerium und das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) immer wieder neue Audi-Modelle mit Defeat Devices entdeckten. Und sogar aus dem Volkswagen-Konzern.“4 – Es ist schwer zu begreifen, dass der Diesel-Skandalinitiiert wurde, weil die Ad-Blue-Harnstoff-Tanks zu klein konzipiert worden waren: statt mindestens 20 nur acht Liter Inhalt. „Dass Audi die Füllmenge des AdBlue-Tanks im Q8 mit 24 Liter gegenüber dem Q7 glatt verdoppelt hat, ist ein weiteres Indiz für den viel zu spät eingeleiteten Umdenkprozess.“5 – Audi-Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler sitzt seit 18.6.2018 in Untersuchungshaft.
Was hat der Diesel-Skandal mit Elektroautos zu tun? Viel. Je mehr der Diesel-Skandal im wahrsten Sinn des Wortes zum Himmel stinkt, umso begeisterter schwärmt die ganze Branche vom Elektroauto: ein gigantisches Ablenkungsmanöver.

Bravo: Mercedes elektrifiziert Geländewagen. Faszinierend ist derzeit, welche Modellart die deutsche Autoindustrie elektrifiziert: vor allem Geländewagen. Ein Beispiel ist der Mercedes EQC: Laut Mercedes-Werksangaben 408 PS (300 kW), 22,2 kWh/100 km (Benzinäquivalent: 2,4 l/100 km), 0 g CO2/km, CO2-Emissionen aus Treibstoff- und/oder Strombereitstellung: 31 g/km, Energieeffizienz-Kategorie: A.
Wiederum so beachtlich wie falsch: die Angabe 0 Gramm CO2 pro Kilometer!
Aus AutoBild: Mit dem Mercedes EQC beginnt bei Daimler ein neues Kapitel. Das Elektro-SUV ist das erste Produkt der Marke ‚EQ‘: Die beiden Buchstaben stehen für ‚Electric Intelligence‘ und sollen laut Hersteller ‚die Markenwerte Emotion und Intelligenz‘ zusammenführen. Bis 2022 will Mercedes zehn elektrische Modelle am Start haben.“6 Der Auslieferungsbeginn soll im Frühsommer 2019 sein, der Einstiegspreis bei geschätzten 70.000 Euro liegen.
Und so werden 2400 Kilogramm elektrisch beschleunigt: „Nach mitgezählten fünf Sekunden schießt der EQC auf Tempo 100, presst die Insassen in die Sitze wie bei einem Flugzeugstart. Weitaus faszinierender sind die Zwischensprints, bei denen selbst aufgemotzte Tuning-SUVs das Nachsehen haben dürften. Überholvorgänge werden zu Angelegenheiten von Sekunden.“7 Die Ingenieure „verbauten etwas mehr als 70 kWh Kapazität (Audi e-tron: 90 kWh) im Wagenboden und sprechen von ‚400 plus‘ Kilometern, die der 2,4 Tonnen schwere SUV nach dem neuen Testzyklus WLTP schaffen wird. (…) Wer beispielsweise spät abends mit leerer Batterie nach Hause kommt und am nächsten Morgen auf längere Tour muss, im Keller aber nur die normale 16-A-Schuko-Steckdose als Energiequelle hat, kann seinen Plan vergessen. Mehr als 25 kWh gehen in acht Stunden Ladezeit dann nicht hinein, was gerade einmal für rund 120 Kilometer Fahrstrecke reicht. Maximal lässt sich der EQC an einer Gleichstrom-Schnellladesäule mit 115 kW befüllen.“7

Die Null-Gramm-Lüge. Gegen die so unrichtige wie verlogene Bewertung der Elektroautos als „Null-Emissionsfahrzeuge“ oder Null Gramm CO2 pro Kilometer (siehe oben Mercedes EQC) spricht einmal der Akku-bedingte CO2-Rucksack, aber auch der deutsche Strommix, der derzeit – Kohlestrom-bedingt – bei über 500 Gramm CO2 liegt. „Elektroautos werden trotzdem als Nullemissionsfahrzeuge gewertet – eine von vielen Ungereimtheiten der europäischen Energiepolitik.“8 Dazu kommt der zunehmende Trend zu immer schwereren und PS-Stärkeren Pkw und Geländewagen: 2018 lag der Anteil letzterer bei fast einem Drittel der Neuwagenzulassungen.
Da die PS-Zahlen der Neuwagen jedes Jahr steigen und der Trend zu Geländewagen ungebrochen ist, wird das fiktive Klimaziel – ob mit oder ohne Elektroautos – weiter verfehlt werden.

Dieselskandal: Stadler und Hatz nicht zusammengelegt. Audi-Vorstandschef Rupert Stadler wurde im Juni 2018 in Ingolstadt inhaftiert. In München sitzt wegen dem Abgasskandal bei VW und Audi seit September 2017 Stadlers früherer Kollege Wolfgang Hatz ein, erst Leiter Aggregate-Entwicklung und später Entwicklungsvorstand bei Porsche.9

Minister streiten über Grenzwerte. Am 20.6.2018 trafen sich im Kanzleramt Umweltministerin Svenja Schulze (SPD), Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), Finanzminister Olaf Scholz (SPD), Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Kanzleramtschef Helge Braun (beide CDU). Es ging wieder einmal um die künftigen CO2-Werte in der EU: Bis 2025 sollen sie noch einmal um 15 Prozent und bis 2030 um 30 Prozent des gegenwärtigen Wertes von 95 Gram CO2 pro km. Schon den schafft die deutsche Autoindustrie nicht und bekommt bis 2020 deswegen 5 Gramm CO2 extra-Boni pro Kilometer für ihre schweren Luxus-Fahrzeuge, die dann abgesenkt werden. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) möchte den Grenzwert bis 2030 sogar um 50 Prozent zu senken. „Nach Angaben aus Regierungskreisen ist Verkehrsminister Scheuer (CSU) jedoch gegen eine Verschärfung der Vorschläge aus Brüssel. Es gehe um ‚anspruchsvolle Ziele‘, teilt sein Ministerium mit. (…) Am Mittwoch konnten die Minister allerdings keine Einigung erzielen; die deutsche Position bleibt damit ungeklärt. Ändert sich das nicht, muss sich Schulze am Montag einer konkreten Position enthalten.“10

Paris beendet E-Auto-Projekt. Der französische Begriff „Autolib“ ist eine Abkürzung für Auto und Liberté und steht für ein elektrisches Carsharing-Unternehmen: 1100 Stationen in Paris und dem Umfeld wurden von Autolib bereitgestellt. Aber die elektrischen Kleinwagen wurden zunehmend ungepflegter und verkamen zu Behausungen für Obdachlose. Deshalb hat sich die Zahl der Abonnenten innerhalb von zwei Jahren auf geschätzte 150.000 halbiert. Deshalb steht das Carsharing-Angebot Autolib vor dem Aus. „Schuld daran ist eine saftige Rechnung: Als der Autolib‘-Betreiber und Großindustrielle Vincent Bolloré von der Stadt Zuschüsse forderte, kam es zum Eklat. 46 Millionen Euro solle die Stadt jährlich zuschießen, verlangte der zehntreichste Mann Frankreichs. Denn wie nun herauskam, schiebt Autolib‘ einen Schuldenberg von fast 300 Millionen Euro vor sich her. Noch Anfang 2017 hatte die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo versichert, es gebe ‚keine Verluste‘. Nun will sie den bis 2023 laufenden Vertrag mit dem Großindustriellen beenden. (…) Das Debakel könnte zur Chance für deutsche Carsharing-Anbieter werden. Bürgermeisterin Hidalgo verhandelt unter anderem mit BMW und Volkswagen über ein alternatives Leihauto-Modell – nach dem Vorbild von Car2Go und DriveNow in Deutschland. Auch die Opel-Mutter PSA ist im Rennen.“11

Reichweiten (1): Nissan Leaf. Testfahrt in das Kleinwalsertal: Bei vollem Akku gestartet waren es am Ziel noch 17 Kilometer Reichweite. „“Dabei war der Akku des Nissan Leaf zum Start voll geladen, das Wetter auch für die Batterie angenehm und das Ziel lediglich 200  Kilometer weit entfernt. Das ist die Hälfte der NEFZ-Normreichweite.“12

Reichweiten (2): Opel Ampera-e. Laut Werksangabe beträgt die maximale Reichweite 520 Kilometer, davon gehen unter guten Bedingungen mindestens 150 Kilometer ab. „Opel verspricht 150 Kilometer zusätzliche Reichweite in nur 30 Minuten Ladezeit. Im Kleingedruckten geben die Rüsselsheimer allerdings zu, dass es sich um einen theoretischen Wert mit komplett leerer Batterie handelt. In der Praxis dauert es meist wesentlich länger, weil der Akku beim Schnellladen heiß und die Ladeleistung abgeregelt wird.“12

Chinesische Batterien aus Deutschland. BMW erteilte dem chinesischen Batteriehersteller CATL einen Großauftrag über Batteriezellen u. a. für den BMW iNext. Catl wird wiederum eine Zellfabrik in Thüringen errichten: Der Vertrag soll am 9.7.2018 in Berlin unterzeichnet werden.13

Fußnoten und Quellen:
  1. Volkswagen plant drei neue Werke in China, in spiegel.de 2.6.2018 []
  2. Kröger, Michael, Umstellung auf Elektroantriebe könnte Zehntausende Jobs kosten, in spiegel.de 5.6.2018 [] []
  3. Schlecht isoliert, in SZ 5.6.2018 [] []
  4. Ott, Klaus, Für Rupert Stadler wird es enger, in SZ 12.6.2018 []
  5. Kacher, Georg, Das Lifestyle-Auto mit dem Einheitsantrieb, in SZ 7.7.2018 []
  6. Hornig, Robin, Alles zum Elektro-SUV EQC, in autobild.de 14.1.2019 []
  7. Specht, Michael, Ist doch zum Heulen, in spiegel.de 16.6.2018 [] []
  8. Becker, Joachim, Grüner Kraftstoff, in SZ 16.6.2018 []
  9. Ott, Klaus, Anstalt mit Kfz-Werkstatt, in SZ 20.6.2018 []
  10. Balser, Markus, Bauchmüller, Michael, Minister auf Kollisionskurs, in SZ 21.6.2018; Becker, Joachim, Der Preis des Klimaschutzes, in SZ 7.9.2018 []
  11. Paris zieht E-Autos den Stecker, in spiegel.de 21.6.2018 []
  12. Becker, Joachim, Kilometerfresser, in SZ 30.6.2018 [] []
  13. Reuters, Batteriefabrik in Thüringen, in SZ 30.6.2018 []
von wz
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