Elektroauto Chronik eines Irrtums

Juli 2012

J

Elektro-Lkw von Siemens. Christian Wüst im Spiegel: „Die Behauptung, dem Elektroauto fehle zu seinem Glück nur noch eine Oberleitung, zählt unter Fahrzeugbauern zu den bewährten Blödeleien. (…) Der Industriekonzern Siemens will nun den Systemvorteil der Eisenbahn auf den Straßenverkehr übertragen. Deutschlands führendes Unternehmen in der Bahntechnik hat zwei schwere Lkw der Marke Mercedes mit Stromabnehmern und einem modifizierten Antrieb ausgerüstet, der zwei Betriebsformen zulässt: Steht eine Oberleitung zur Verfügung, fahren die Prototypen rein elektrisch wie E-Lokomotiven; ist kein Draht mehr am Himmel, springt ein Dieselmotor an, der einen Generator antreibt und so den Elektroantrieb mit Energie versorgt. Das Bundesumweltministerium sah in dem Lastkraft-Zwitter bereits genug Öko-Potential, um das Projekt mit über zwei Millionen Euro aus der Staatskasse zu fördern. Dermaßen unterstützt, hat Siemens auf einem ausgedienten Militärflughafen nördlich von Berlin die erste Teststrecke errichtet.“1
Erste Schätzungen ergaben für die Autobahn-Magistralen A1 bis A9 knapp 15 Milliarden Euro. Die Lkw-Kosten würden sich um 90.000 Euro Zusatzkosten verdoppeln. Der ökologische Nutzen ist äußerst fragwürdig, denn der mit Diesel angetriebene Lkw zählt zu den energie-effizientesten Transportmitteln. „Mit einem Liter Dieselkraftstoff bringt er nahezu eine Tonne Nutzlast 100 Kilometer weit – schneidet mithin 70-mal besser ab als ein Pkw, der einen Menschen ins Büro kutschiert. Eine kluge Verkehrspolitik müsste vor allem Personen in die Bahn lotsen. Wer dem Lkw nun eine Oberleitung beschert, macht ihn keinesfalls umweltfreundlicher. Ein 40-Tonner schluckt knapp 30 Liter Diesel und emittiert damit weniger als 80 Kilogramm Kohlendioxid auf 100 Kilometer. Elektrisch betrieben, würde er auf dieser Strecke mindestens 200 Kilowattstunden verbrauchen. Nach Erhebungen des Umweltbundesamts entstünden dadurch im aktuellen deutschen Strommix etwa 112 Kilogramm Kohlendioxid.“2

Elektrischer Abschwung (1). Die Zahl von einer Million Elektroautos im Jahr 2020 wurde schon seit längerem kaum mehr erwähnt. Selbst die Nationale Plattform Elektromobilität hält nur noch 600.000 für möglich.3 „In München waren zum Ende des ersten Halbjahres 314 Elektro-Pkw gemeldet. Das waren immerhin 100 mehr als vor einem Jahr.“4

Elektrischer Abschwung (2). Das KBA in Flensburg verzeichnet in seiner Zulassungsstatistik 2154 neu zugelassene Elektroautos im Jahr 2011 – bei insgesamt etwa 3,5 Millionen Neuzulassungen. „Damit stehen auf deutschen Straßen rund 5000 E-Autos 43 Millionen Benzinern und Dieseln gegenüber. Trotz einiger neuer E-Modelle kam die E-Mobilität auch im laufenden Jahr nicht in Schwung: Bis Ende Mai zählte das KBA exakt 1161 neue Pkw mit Elektroantrieb.“5

Elektrischer Abschwung (3). „Angesichts der katastrophalen Zwischenbilanz bei den E-Auto-Zulassungen verspricht Matthias Wissmann, der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Besserung: ‚Bis 2014 werden die deutschen Hersteller 15 neue elektrifizierte Fahrzeugmodelle auf den Markt bringen‘.“5 Auch der neue NPE-Bericht bringt die von Wissmann genannte Zahl und erwähnt die Förderung von Elektroautos in den USA und Japan von umgerechnet 5000 bis 9500 Euro.
Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research der Universität Duisburg-Essen hält die  Pläne für eine Million Elektroautos für Makulatur und konstatiert eine miserable  Startphase: „Die Elektromobilität ist in Deutschland dabei zu sterben.“6

Laternen-Strom (1). Das Unternehmen Swarco Traffic Systems entwickelte eine Parkscheinsäule, an der gleichzeitig Elektroautos geladen werden können. Bei einem Modellprojekt in Garmisch-Partenkirchen sollen zehn von diesen Kombi-Säulen installiert werden. Es soll auch die Nutzung der E-Autos für den Tourismus untersucht werden. Die Bayerische Staatsregierung stellt dafür 30 Millionen Euro zur Verfügung. In Garmisch-Partenkirchen wird auch ein System getestet, bei dem aus Straßensäulen Strom geladen werden kann. „Allerdings ist das nicht ganz so einfach, wie man sich das denkt. Denn in vielen Städten hängt die Straßenbeleuchtung an einem separaten Netz, das für zusätzliche Belastungen, etwa Tausende energietankende Strom-Fahrzeuge, nicht ausgelegt ist.“4

Laternen-Strom (2). Auch das Berliner Start-up-Unternehmen Ubitricity möchte über Straßenlaternen laden. Sie „hat eine Steckdose entwickelt, die sich in den Servicedeckel des Laternenmasts integrieren lässt. Sie kann sich selbst ein- und ausschalten und verfügt über einen Sensor, der erkennt, ob ein autorisierter Kunde an ihr zapft. Erkennungscode und Abrechnungssoftware bringt der Stromtanker mit dem Ladekabel mit. Die Materialkosten am Mast schätzt Ubitricity auf weniger als hundert Euro, diejenigen für das schlaue Kabel auf etwa den doppelten Betrag.“7 – „Parken und laden, so einfach könnte die Zukunft aussehen. Auto abgestellt, Kabel an die Laterne, schon läuft der Strom – jedenfalls bei dem Berliner Start-up Ubitricity. (…) Ein Spezialkabel leitet den Strom in die Batterie und rechnet per Funk auch gleich mit dem Stromversorger ab. Schon wird das Elektroauto geladen – mitten in der Stadt, im Parkhaus, im Carport.“8
Auch eine Fiktion: Die gesamte Stromversorgung müsste neu verlegt und die komplette Mittelspannungsebene ausgebaut werden.

Frankreich zahlt drauf. Frankreich erhöht die Prämie für Elektroautos von 5000 auf 7000 Euro; für einen Hybrid-Wagen bekommt man ab 2013 4000 statt 2000 Euro Zuschuss. „Mehr zahlen muss hingegen, wer sich Autos kauft, die viel Kohlendioxid emittieren. Es ist kein Geheimnis: Die eine Subvention hilft Renault, die andere Peugeot Citroën. Als Sarkozy die Prämien einführte, waren sich die Experten einig, dass es sich dabei um eine verkappte protektionistische Maßnahme gegen deutsche Hersteller handelt. Denn belohnt wird der Erwerb abgasarmer oder -freier (französischer) Kleinwagen, während der Kauf (deutscher) Limousinen bestraft wird.“9

Fußnoten und Quellen:
  1. Wüst, Christian, Lange Leitung, in Der Spiegel 27/2.7.2013 []
  2. Wüst, Christian, Lange Leitung, in Der Spiegel 27/2.7.2013; Hervorhebung WZ []
  3. Kröger, Michael, Emissionslos und unsichtbar, in spiegel.de 22.6.2019 []
  4. Völklein, Marco, Strom aus der Laterne, in SZ 6.7.2012 [] []
  5. Lamparter, Dietmar H., Stromer suchen Anschluss, in Die Zeit 26.7.2012 [] []
  6. dpa, Elektroautos kommen nur langsam in Fahrt, in SZ 11.7.2012 []
  7. Wüst, Christian, Zweite Karriere der Laterne, in Der Spiegel 51/17.12.2012 []
  8. Bauchmüller, Michael, Balser, Markus, Den Stecker gibt es schon, in SZ 26.1.2013 []
  9. Kläsgen, Michael, Mit freundlichem Gruß vom Präsidenten, in SZ 26.7.2012; Hervorhebung WZ []
von wz
Elektroauto Chronik eines Irrtums

Chronologie

Anhang