Elektroauto Chronik eines Irrtums

Februar 2019

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Aktualisiert 27.2.2019

Deutsche kaufen schnelle, dicke und starke Autos. Laut Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Institut der Uni Duisburg-Essen hatten die in Deutschland 2018 zugelassenen Neuwagen im Durchschnitt 153,4 PS (Diesel 168 PS, Benziner 146 PS). Der Diesel-Anteil hat sich bei 30 Prozent eingependelt. Und zum Tempolimit verwies Dudenhöffer auf die (reiche) Schweiz mit einem Tempolimit von 120 km/h: Dort hat der durchschnittliche Neuwagen 170 PS. Dudenhöffer: „Die deutsche Autoindustrie sollte sich also vor dem Tempolimit nicht fürchten.“1

Drei Gigabatterien für Deutschlands Energiewende (1). In Süddeutschland sollen bis 2025 drei riesige Batterie-Parks („Netzbooster“) mit zusammen 900 MW Speicherleistung und Kosten von rund einer Milliarde Euro entstehen: Damit sollen auch fehlende neue Stromleitungen für den Windstrom vom Norden Deutschlands in den Süden kompensiert werden. Die größte Anlage mit 500 MW wird in Kupferzell in Baden-Württemberg geplant, zwei weitere in Ottenhofen östlich von München und in Ludwigsburg. Das Ökostromziel der Bundesregierung liegt für 2030 bei 65 Prozent – auch um den Kohleausstieg abzusichern. „Mit den Netzboostern könnte nun der Einstieg in eine Technik vorbereitet werden, mit der Stromleitungen bis an den Rand des Machbaren ausgereizt werden.“2
Ein ähnlich großes Projekt wie in Kupferzell plante der kalifornische Energieversorger PG&E in Moss Landing: Dort sollte bis Ende 2030 ein Gaskraftwerk durch Lithium-Ionen-Akkus ersetzt werden. Da die verheerenden Waldbrände in Kalifornien in den Jahren 2017 und 2018 auch durch Mitverschulden von PG&E entstanden und bis zu 30 Milliarden Dollar Forderungen drohen, meldete der Energieversorger im Januar 2019 Insolvenz an.3

Drei Gigabatterien für Deutschlands Energiewende (2). Die Nord-Süd-Stromleitungen zum Transport des Windstroms aus dem Norden in den Westen und Süden sind die Schachstellen der Energiewende. „Schon seit Jahren müssen die Netzfirmen immer häufiger eingreifen, wenn mehr Strom in die Nord-Süd-Leitungen drückt, als sie transportieren können. Für den sogenannten Redispatch regeln die Betreiber dann Kraftwerke im Norden herunter und fahren Reservekapazitäten im Süden hoch. Ergebnis ist ein virtueller Stromtransport.“2Die Kosten für diese Umverteilungen lagen 2017 laut Bundesnetzagentur bei 1,4 Milliarden Euro. Die drei Gigabatterien können den Bedarf an Redispatch um rund zehn Prozent absenken, wie die Netzbetreiber angeben. Nun sollen diese Netzbooster erst Strom liefern, wenn Leitungen oder Kraftwerke ausgefallen sind. „Techniker sprechen vom n-1-Fall. Wenn in diesem Szenario auch nur ein weiterer kritischer Bestandteil des Netzes versagen würde, droht ein großflächiger Blackout.“2 Die Netzbooster müssten in wenigen Sekunden zur Verfügung stehen: Dieses Konzept ist bislang noch unerprobt. Ulf Häger von der TU Dortmund sieht als Voraussetzung für  das Funktionieren, dass die Netzbetreiber engstens zusammenarbeiten müssten.2

Frankreich investiert in Batteriezellen. Präsident Emmanuel Macron verkündete, 700 Millionen Euro in den nächsten fünf Jahren in die europäische Batterieindustrie zu investieren, um den asiatischen Produzenten Paroli bieten zu können. Zwei Fabriken sind geplant, davon eine in Deutschland.4

„Umweltbonus“ nicht gefragt. Die Prämie für Elektroautos soll über den Sommer 2019 hinaus verlängert werden. Für den „Umweltbonus“ wurden 600 Millionen Euro zur Verfügung gestellt: Bis jetzt sind aber erst 134 Millionen Euro für rund 100.000 Anträge abgerufen worden. Die Bundesregierung hat noch nicht endgültig entschieden.5

Mercedes: Flottenschnitt steigt. 2017 betrugen die Emissionen der Mercedes-Pkws im Durchschnitt 125 Gramm CO2 pro Kilometer, 2018 lagen sie bei 134 Gramm CO2. Ab 2020/2021 müsste dieser Wert für Mercedes bei 105 Gramm CO2 liegen: no way! Die Konsequenz: „Mercedes werde nun noch stärker auf Elektroautos setzen, erklärte Jochen Hermann, Entwicklungschef für Elektroantriebe bei der Daimler-Tochter.“6 Auch interessant: Jedes Gramm CO2 zu viel kostet 95 Euro Strafe – bei jedem verkauften Fahrzeug. „Da Daimler etwa eine Million Autos im Jahr in Europa verkauft, entsprechen zehn Gramm zu viel CO2 einer Strafe von knapp einer Milliarde Euro.“6

Tesla schickt drei Frachter voll Teslas nach China. Am 1.3.2019 wird die Frist im Handelsstreit zwischen den USA und China abgelaufen: Dann steigen die Zölle auf chinesische Importgüter auf 25 Prozent. Nun hat Tesla mindestens drei Riesenfrachter mit dem Model 3 von San Francisco nach China, die bis Ende Februar dort ankommen werden. Ende 2019 soll die Produktion in Teslas neuem Werk in Shanghai beginnen.7

Carsharing: Elektroautos gehen zurück. Die verfügbaren Fahrzeuge der reinen Elektro-Carsharing-Dienste gingen 2018 von 431 auf 304 zurück: Diese sitzen oft im ländlichen Raum. In größeren Städten blieb die Zahl bei den „Free-Floating-Anbietern“ bei 2015 fast konstant; bei stationsbasierten Anbietern stieg sie von 321 auf 498 Elektroautos.8

Kleines Rechenbeispiel zu den „Super-Credits“: Ein fossil betriebener Audi Q5 (Gewicht etwa 1900 kg) emittiert offiziell ungefähr 150 g CO2 pro Kilometer – nach einem äußerst fragwürdigen Messverfahren.
Ein elektrischer Audi e-tron (Gewicht etwa 2400 kg) braucht auf 100 Kilometer 22,5 kWh. Er emittiert real beim deutschen Strommix von ca. 500 g CO2 pro kWh: 22,5 x 500 = 11.250 Gramm CO2 auf 100 Kilometer, also 112,5 Gramm CO2 pro Kilometer. Zusammen emittieren Audi Q5 und e-tron real mindestens 262,5 Gramm CO2 pro Kilometer.
Der e-tron wird aber als Elektrofahrzeug mit 0 Gramm CO2 bewertet. Dazu kommt der Super-Credit-Faktor 2 für Elektrofahrzeuge ab dem Jahr 2020.
Die Rechnung zugunsten der deutschen Autoindustrie geht so: 1 Null-Emissions-Pkw Audi e-tron x Super-Credit-Faktor 2 plus 1 Audi Q5 macht drei Fahrzeuge mit insgesamt 150 Gramm CO2. Das ergibt dann für den Audi Q5 nicht 150 Gramm, sondern 50 Gramm CO2!
Und dieses Rechenkunststück wird dann auf den gesamten Flottenverbrauch des jeweiligen deutschen Autokonzerns übertragen.

Macan heißt jetzt Taycan. Ab 2022 soll der Porsche Kompakt-SUV Macan als Elektro-Version unter dem Namen Taycan auf den Markt kommen. Nach Porsche-Angaben haben bereits 20.000 Kaufinteressenten die geforderten 2500 Euro Anzahlung geleistet.9

Deutsche Bundesregierung fährt fossil. 2018 kaufte die Regierung für Ministerien und Behörden rund 8400 Fahrzeuge: Davon fahren 73 rein elektrisch. Mit Hybridfahrzeugen und Elektrofahrzeugen zusammen sind es 251. Eingeplant waren im Haushalt 100 Millionen Euro für „saubere Fahrzeuge“.10

Batteriepark mit 100 MW bei Erding. In der Gemeinde Ottenhofen soll 2022 ein Pilotprojekt zur Speicherung von Energie in Betrieb gehen: Ein Netzbooster mit 100 MW soll Schwankungen und Ausfälle im Stromnetz korrigieren und z. B. bei Ausfällen in kürzester Zeit Strom liefern. Die fünf in Deutschland geplanten Netzbooster sind im Netzentwicklungsplan 2030 enthalten, der noch von der Bundesnetzagentur und der Bundesregierung genehmigt werden muss.11

Fußnoten und Quellen:
  1. Deutsche kaufen lieber schnelle Autos, in n-tv.de 2.2.2019; vgl. auch: Deutsche kaufen Autos mit immer mehr PS, in spiegel.de 2.2.2019 []
  2. Berkel, Manuel, Gigabatterien sollen Stromnetz entlasten, in spiegel.de 11.2.2019 [] [] [] []
  3. Waldbrände treiben größten amerikanischen Versorger in dier Pleite, in faz.net 14.1.2019 []
  4. Frankreich investiert 700 Millionen in Batterien, in spiegel.de 13.2.2019 []
  5. DPA, Längere E-Auto-Prämie, in SZ 14.2.2019 []
  6. CO2-Werte von Mercedes steigen sprunghaft, in spiegel.de 15.2.2019 [] []
  7. Tesla schickt in letzter Minute Autofrachter nach China – um Zölle zu umgehen, in spiegel.de 16.2.2019 []
  8. Mehr Kunden, weniger Elektroautos, in spiegel.de 20.1.2019 []
  9. Dohmen, Frank, Hage, Simon, Porsche-Bestseller Macan wird elektrisch, in spiegel.de 23.2.2019 []
  10. Regierung meidet Elektroautos, in Der Spiegel 8/16.2.2019 []
  11. Batterie-Park soll Stromversorgung sichern, in SZ 27.2.2019 []
von wz
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