Elektroauto Chronik eines Irrtums

August 2009

A

Interview mit dem designierten Präsidenten des UBA, Jochen Flasbarth im Spiegel. Zum Thema Tempolimit äußerte Flasbarth: „Man kann ja meinetwegen sagen, dass ein Tempolimit nicht geht, weil es bei den Autofreunden serienweise Herzstillstand auslöst. Aber dann muss man darlegen, wo sonst im Verkehrsbereich CO2 eingespart werden kann. Unsere Autos sind auch deshalb so schwer und verbrauchsstark, weil sie dafür ausgelegt sind, bei 180 Stundenkilometer nicht aus der Kurve zu fliegen. Das steigert den Verbrauch, auch wenn man nicht rast. Ein Abrüstungsprogramm hin zu effizienten, schicken Leichtbauautos ist nötig.“ Und zum Thema Elektroauto: „Das reicht nicht. Würde man heute sein Elektroauto nachts aufladen, hätte man ein Atomauto. Denn Kernenergie hat gerade dann einen bedeutenden Anteil an der Stromerzeugung. Wenn aber die Energieversorgung umgebaut wird, der Strom in Zukunft aus erneuerbarer Energie kommt und die Autos nachts überschüssigen Windstrom speichern, wäre das ein Riesenfortschritt. (…) Das ganze Verkehrssystem muss auf den Prüfstand. Im Bundesverkehrswegeplan, der die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur beschreibt, spielt Klimaschutz bisher kaum eine Rolle. Die Gewichtung zwischen öffentlichem und individuellem Verkehr ist völlig falsch. Wir brauchen nach der Wahl einen neuen Verkehrswegeplan, der dem öffentlichen Verkehr eindeutig Vorrang gibt. Einige Straßenbauprojekte werden auf der Strecke bleiben müssen.“1

Elektrisch rasen: Mercedes SLS AMG. Mercedes-Benz wird auf der IAA 2009 den Flügeltür-Sportwagen SLS AMG vorstellen: „Vier Elektromotoren, jeder mit einem der Räder verbunden und gemeinsam 392 Kilowatt stark, sollen den Zweisitzer nahezu lautlos in vier Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Der Stromsprinter, fürs Erste ein Einzelstück, ist laut Werksauskunft etwa so agil wie das Schwestermodell mit Achtzylinder-Benzinmotor und 420 Kilowatt Leistung. Daimlers Tuning-Tochter AMG, erklärt deren Geschäftsführer Volker Mornhinweg, wolle mit dem E-Schaumobil ‚das Thema Supersportwagen neu definieren‘. (…) Der Strom-SLS verfügt über einen Lithium-Akku, der nach den bisher gezeigten Skizzen rund die halbe Wagenlänge einnimmt und einen Energieinhalt von 48 Kilowattstunden haben soll, entsprechend dem von gut fünf Liter Benzin. Der Preis einer solchen Batterie dürfte derzeit bei 50.000 Euro liegen.“2
Kommentar von Christian Wüst im Spiegel: „Der Elektro-SLS, wie Mercedes ihn präsentieren wird, ist hochgerüsteter Unfug, allenfalls geeignet zu veranschaulichen, wozu der Elektroantrieb nicht taugt. Ein Sportwagen, der nur Kurzstrecken bewältigt, ist so sinnvoll wie ein ICE im S-Bahn-Dienst.“3

Better Place“? Der Elektroauto-Unternehmer Shai Agassi gründete 2007 sein Unternehmen Better Place, das in Kooperation mit Renault-Nissan Elektroautos mit einem 250 kg schweren Tausch-Akku produzieren soll. Dieser kann in wenigen Minuten gewechselt werden und wird nur vermietet. Das wie überall auftretende Akku-Problem der Schnellladung beschreibt Christian Wüst: „Dass der Akku möglichst lange hält, ist für den Hersteller dennoch von vitaler Bedeutung. Eine Batterie, wie Renault sie verbauen will, kostet heute gut 20.000 Euro. (…) Genau dieser Umstand macht das Wechselkonzept heikel. Möglichst schonend wird eine Batterie mit moderatem Stromfluss über mehrere Stunden geladen. Blitzladungen in etwa 30 Minuten sind möglich, aber strapaziös. Die Lebensdauer des Akkus sinkt deutlich. Agassis Konzept aber funktioniert nur mit Schnellladung. Anderenfalls müssten an den Wechselstellen Tausende Batterien zwischengelagert werden. Der Strom-Drive-in würde zu teuer. Wenn die Akkus jedoch im Ladestress zu früh verenden, geht die Rechnung auch nicht auf – ein klassisches Dilemma.“4
Im Mai 2013 war Better Place insolvent.

Der Bundesverkehrsminister propagiert das Elektroauto. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) erwartet einen raschen Durchbruch für Elektroautos in Deutschland. (…) Nach Plänen des Verkehrsministeriums soll spätestens von 2017 an überall in Deutschland die Infrastruktur aufgebaut werden, damit 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sein könnten.”5 Das Konjunkturpaket II fördert mit hohen Millionensummen die Elektromobilität und inzwischen auch die Batterieentwicklung. “BMW, Volkswagen und Mercedes arbeiten derweil an der Entwicklung neuer Elektroautos, testweise betreiben sie – in Zusammenarbeit mit Energiekonzernen wie Vattenfall oder RWE – schon erste kleine Flotten.“5

Obama spendiert 2,4 Mrd. $ für Elektroautos. Anfang August 2009 kündigte der amerikanische Präsident ein Programm über 2,4 Milliarden Dollar für den Bau von Elektroautos an, „die größte Investition in diese Technologie in der Geschichte der USA.“6

Nissan stellt Leaf vor. Der fünfsitzige Leaf wurde von Konzernchef Carlos Ghosn vorgestellt und soll ab 2011 lieferbar sein. Der 250 kg schwere Lithium-Ionen-Akku kostet um die 7500 Euro und muss geleast werden.7 „Der Nissan Leaf soll an Schnellladestationen in weniger als 30 Minuten gut 80 Prozent der Batteriekapazität nachfüllen können. Doch die starke Hitze, die bei solchen Blitzbetankungen in den Zellen entsteht, lassen Lithium-Ionen-Batterien schnell altern.“8

Mitsubishi stellt den i-MiEV vor. Das familientaugliche Auto soll inklusive Batterien 34.000 Euro kosten und ab 2010 in Deutschland erhältlich sein. Die japanische Regierung unterstützt jeden Kauf mit umgerechnet 11.000 Euro, Landesregionen wie Tokio zahlen bis zu 4000 Euro dazu. „Allerdings müssen sich die Kunden bei dem einen wie dem anderen Fahrzeug mit rund 150 Kilometer Reichweite im EU-Zyklus begnügen. Erste Fahrversuche zeigen, dass im Alltag aber schon bei rund 100 Kilometer Schluss ist. Dann muss der i-MiEV sieben Stunden lang an die Steckdose.“9

Na also: Bundesregierung subventioniert doch. Das Bundeskabinett will im August 2009 mit einem “nationalen Entwicklungsplan” bis 2020 der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen. Eine Million Elektroautos sollen bis dahin in Deutschland fahren, und für bis zu 100.000 E-Autos soll es Zuschüsse geben.10 “Vor allem die Stromkonzerne zeigen großes Interesse am Aufbau der neuen Infrastruktur, sie versprechen sich neue Absatzmärkte. In Berlin erproben derzeit RWE und Vattenfall die Einführung von Elektroautos, zusammen mit Mercedes und BMW. Interesse an der Technologie haben alle größeren Autokonzerne der Welt. Derzeit arbeiten sie an einem einheitlichen System für das Laden der Autos, es würde die Markteinführung erleichtern.“10
Vor diesem Hintergrund muss man 2018 auch die Umstrukturierung der Stromkonzerne EON und RWE sehen: Die einen verteilen den Strom, die anderen produzieren ihn – auch im Hinblick auf den Stromverbrauch der Elektroautos. Eon und RWE wissen die neuen Stromverbraucher zu schätzen – und einzuschätzen. Ab 2016 werden sie sich den Markt aufteilen.

Umweltverbände skeptisch. „Umweltverbände äußerten sich am Mittwoch zurückhaltend. Elektroautos seien nur dann umwelt- und klimafreundlich, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben würden, erklärte der Verkehrsclub Deutschland. Dies stelle der Plan aber nicht sicher. Im Übrigen sei es sinnvoller, nicht eine spezielle Technologie zu fördern, sondern effiziente Antriebsformen schlechthin. Auch die Deutsche Umwelthilfe kritisierte, der Bund fördere eine Nischentechnologie. Selbst eine Million Elektroautos machten nur zwei Prozent aller Fahrzeuge aus.“10 – „Umweltverbände plagt eine andere Sorge. Sie wollen verhindern, dass die Energiekonzerne weitermachen wie bisher und fordern, mit der neuen Technik den Einsatz von Ökostrom zu forcieren. ‚Ein herkömmliches Auto durch ein mit Kohlestrom gespeistes E-Auto zu ersetzen hieße, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben‘, warnt der Bundesgeschäftsführer des Naturschutzbundes NABU, Leif Miller. Die Umweltverbände wollen auch verhindern, dass einseitig gefördert wird. Mit gezielten Fördermaßnahmen müsse dafür gesorgt werden, dass auch regenerative Energien ins Netz der neuen Strom-Tankstellen eingespeist würden, fordert der NABU.“11
2009 konnte man den Ausbau erneuerbarer Energien noch positiver – und naiver – sehen als 2018!
Auch die Deutsche Umwelthilfe warnt. „Elektromobilität wird nach Ansicht der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH) auch in zehn Jahren eine reine Nischentechnologie der Autoindustrie sein. (…) ‚Die Förderung einer Nischentechnologie bei gleichzeitigem Verzicht auf jegliche Kaufanreize für spritsparende und gleichzeitig saubere teilelektrifizierte Fahrzeuge ist falsch‘, sagt DUH-Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch. ‚Die einseitige Konzentration auf die reine Elektromobilität soll von dem Desaster der bisherigen fehlgeleiteten Automobilpolitik ablenken‘, sagt Resch.“12

Matthias Wissmann erinnert an Verbrennungsmotor. „Die Autoindustrie-Lobby VDA begrüßte den Plan, erinnerte aber an Gegenwart und Zukunft des Verbrennungsmotors: ‚Vorerst hat er noch nicht ausgedient‘, sagte Verbandschef Matthias Wissmann. ‚Im Gegenteil: Er wird laufend optimiert.‘“10
Apropos Optimierung: Zu der Zeit waren die Betrügereien mit Abschalteinrichtungs-Software (defeat device) am Dieselmotor schon in vollem Gang.

Wieviel Elektroautos? Daimler-Forschungschef Thomas Weber: „Für 2025 werden in Europa Marktanteile für Elektrofahrzeuge zwischen 14 und 53 Prozent prognostiziert. Zehn Prozent Anteil entsprächen in Europa etwa 20 Millionen Fahrzeugen. Ich halte solche Zahlen schlicht für falsch.“12

Siemens sieht Milliardenmarkt. „Nicht nur Energiekonzerne sind überzeugt, dass die neue Technologie eine Zeitenwende einläutet. ‚Das wird ein Multimilliardenmarkt‘, sagt auch Siemens-Chef Peter Löscher. Umweltverbände plagt eine andere Sorge. Sie wollen verhindern, dass die Energiekonzerne weitermachen wie bisher und fordern, mit der neuen Technik den Einsatz von Ökostrom zu forcieren.“11

Elektroautos in München. In München meldete das Kreisverwaltungsreferats (KVR), dass 49 Elektroautos zugelassen sind – plus 43 Nutzfahrzeuge wie Kehrmaschinen etc. „Zum Vergleich: Knapp 700.000 Benzin- und Dieselautos verstopfen die Straßen in der Stadt.“13 Eon hat hier gerade 15 Ladestationen für die BMW Mini EL installiert.13

Henne und Ei. ADAC-Sprecher Christian Buric: „Bisher war das ein Henne-Ei-Problem. Die Hersteller wollten keine Elektroautos bauen, solange es nicht ausreichend Ladestellen gibt, die Energieanbieter wollten keine Ladestellen einrichten, wenn es so wenig Elektroautos gibt.”14 Mit RWE will der ADAC an 50 ADAC-Geschäftsstellen bundesweit Stromzapfsäulen aufstellen.14

Service für Elektroautos. Auch nicht geklärt ist die Serviceproblematik bei den Elektroautos. Fossil betriebene Fahrzeuge haben Betriebsspannungen zwischen 12 bis maximal 48 Volt. “Bei der Hybridtechnologie können Ströme von bis zu 1000 Volt Spannung auftreten. ‚Hier besteht Lebensgefahr für ungeschulte Mechaniker, aber auch für Ersthelfer am Unfallort wie Feuerwehren und Sanitäter‘, warnt Heidi Atzler vom TÜV Süd.“13

Fußnoten und Quellen:
  1. Schwägerl, Christian, „Elektroautos reichen nicht, in Der Spiegel 35/2009 []
  2. Wüst, Christian, Kraftvoller Kurzschluss, in Der Spiegel 30/2009 []
  3. Wüst, Christian, Kraftvoller Kurzschluss, in Der Spiegel 30/2009. Siehe auch im Kritischen Elektroauto-Lexikon: Elektrisch rasen []
  4. Wüst, Christian, Kraft aus der Schublade, in Der Spiegel 34/2009. Siehe auch Kritisches Elektroauto-Lexikon: „Better Place“ []
  5. Bauchmüller, Michael, „Eine Revolution des Verkehrs“, in SZ 6.8.2009 [] []
  6. 2,4 Milliarden für E-Autos, in SZ 7.8.2009 []
  7. Becker, Joachim, Die Kraft aus der Dose,, in SZ 10.8.2018 []
  8. Becker, Joachim, Die Kraft aus der Dose, in SZ 10.8.2018; Hervorhebung WZ []
  9. Becker, Joachim, Die Kraft aus der Dose, in SZ 10.8.2018 []
  10. Bauchmüller, Michael, Eine Million Elektroautos für Deutschland, in SZ 20.8.2009 [] [] [] []
  11. Balser, Markus, Zum Tanken an die Steckdose, in SZ 20.8.2009 [] []
  12. DUH, PM Deutsche Umwelthilfe warnt vor blinder Förderung von Elektroautos, Berlin 18.8.2009 [] []
  13. Fritscher, Otto, Schwarz, Sebastian, Der weite Weg zur Steckdose, in SZ 21.8.2009 [] [] []
  14. Liere, Judith, Tanken im Parkhaus und beim Nachbarn, in SZ 21.8.2009 [] []
von wz
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