Elektroauto Chronik eines Irrtums

April 2020

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Aktualisiert 24.5.2020

12.365 Anträge. Im März 2020 stellten 12.365 Personen beim Bafa Anträge auf eine Kaufprämie für Elektroautos. Dies waren 7898 reine Elektroautos und 4464 Plug-in-Hybride.1

e.GO unter Schutzschirm. Prof. Günther Schuh teilte am 2.4.2020 mit, dass sein Start-up e.GO, der Produzent eines elektrischen Kleinwagens, beim Amtsgericht Aachen ein Schutzschirmverfahren beantragt hat. Investoren wie ZF Friedrichshafen sind nun selbst in Schwierigkeiten. Schuh: „Wir sind kreativ und zäh. Wir werden auch diese Krise überstehen.“2

Trump-Regierung weicht Klimaschutz auf. Die Obama-Regierung hatte eine Absenkung der Flottenemissionswerte auf 4,32 Liter pro 100 Kilometer bis zum Jahr 2026 festgelegt. Dies wäre nur mit einer  Effizienzsteigerung von jährlich fünf Prozent und einem hohen Anteil von Elektroautos und Plug-in-Hybriden zu erreichen gewesen. Die Trump-Regierung belässt es bei 5,88 Liter pro 100 Kilometer (etwa 136 Gramm CO2 pro Kilometer; in der EU ab 1.1.2020 95 Gramm  CO2). Die US-Verkehrsministerin Elaine Chao: „Damit hält Präsident Trump sein vor drei Jahren gemachtes Versprechen an die Beschäftigten ein, die amerikanische Autoindustrie wiederzubeleben, indem er die kostspieligen und zunehmend unerreichbaren Emissionsstandards von Fahrzeugen überarbeitet.“3 Die US-Autoindustrie tritt für eine Effizienzsteigerung von 2,4 Prozent ein (also der halbe Wert der Obama-Regierung). Auch der europäische Automobilherstellerverband ACEA fordert Lockerungen im Zuge der Corona-Pandemie, da die Fahrzeugentwicklung stillsteht und keine Tests gemacht werden können. „Anders sehen dies die drei großen deutschen Hersteller. Volkswagen, Daimler und BMW haben sich gegen eine Änderung der Grenzwertregelung ausgesprochen.3

Tesla-Auslieferungen über den Erwartungen. Im letzten Quartal 2019 lagen die Tesla-Auslieferungen bei 63.000 Fahrzeugen. Im ersten Quartal 2020 hat Tesla rund 88.400 Autos ausgeliefert und 102.672 produziert, davon 87.282 Model 3.4

Corona-Pandemie und Elektroauto (1): VW und BMW wollen aufgrund der Absatzkrise einen staatlichen Kaufpreiszuschuss. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Stefan Weil, forderte wie die deutsche Autoindustrie eine staatliche „Abwrackprämie“: „Vor allem der Umstieg auf umweltfreundliche Antriebe kann damit wesentlich beschleunigt und die Autoindustrie im Strukturwandel unterstützt werden.“5 Weil lehnte gleichzeitig eine Abkehr von den Klimazielen der EU ab: Der Grenzwert liegt seit 1.1.2020 bei 95 Gramm CO2.

Corona-Pandemie und Elektroauto (2): Profiteur Tesla.  Am 13.4.2020 (Ostermontag) belegte Tesla Platz 1 des Nasdaq Stock Market. Die Tesla-aktie lag schon fast wieder bei 700 Dollar. „Die Corona-Krise könnte die Aufholjagd der Konkurrenz bei der Elektromobilität ausbremsen. VW, Daimler und BMW benötigen einen Teil ihrer Cash-Reserven jetzt dringend, um den Betrieb am Laufen zu halten – die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bei der E-Mobilität könnten darunter leiden.“6

Ladesäulen-Mangel in Ballungsgebieten. Bis 2030 sollen sieben bis zehn Millionen Elektroautos auf deutschen Straßen fahren. Die Dena und Prognos AG haben in der Studie Privates Ladeinfrastrukturpotenzial festgehalten, dass ein Potenzial von etwa zwölf Millionen Ladestationen durch private Carports oder Garagen vorhanden sei: allerdings nicht dort, wo die Käufer der Elektroautos wohnen, nämlich im reichen Süden Deutschlands oder auch in den Ballungsräumen. Auch ist die BEV-Motorisierung abhängig von der Kaufkraft. (S. 12) „Reichweitenangst“ und mangelnde Ladeinfrastruktur hemmen den Ausbau der Elektromobilität. Letztere muss auch sichtbar sein „als Teil der gefühlten Verfügbarkeit“.7 Bis 2030 soll es eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte geben; 85 Prozent der Ladevorgänge sollen über private Ladesäulen laufen. in reichen Landkreisen mit hohem Anteil an E-Autos könnte bereits demnächst eine Versorgungslücke entstehen. Problematisch seien vor allem Gebäude mit drei und mehr Familien. (S. 28) Bei der Förderung der Ladepunkte sollten Fahrzeughersteller, Energieunternehmen, der Bund und Behörden kooperieren und eine Nachfrage-Datenbank erstellen. (S. 29) Auch das WEG-Gesetz sollte kurzfristig zugunsten der Ladeinfrastruktur geändert werden. (S. 30)

Geringe private Ladekapazitäten. Speziell bei Gebäuden mit drei Wohnungen und mehr wird die Errichtung von privaten Ladepunkten zum Problem. Bei zunehmender Elektromobilität wird aber auch die Stromversorgung zum Problem. „Ein Beispiel hierfür ist München, dessen private Ladekapazitäten in Mehrfamilienhäusern bereits im Jahr 2022 erschöpft sein könnten.“8 Bis zum Jahr 2030 kann dies in 27 Landkreisen eintreten.
Interessanterweise problematisiert die Studie an keiner Stelle, wo denn der ganze Ökostrom herkommen soll.

Elektro-Karrieren. Henrik Wenders war für Marketing und Vertrieb der BMW i-Reihe (Elektrofahrzeuge) zuständig und wurde neben einigen anderen leitenden BMW-Managern vom chinesischen Elektroauto-Start-up Byton abgeworben. Nun ist er als Manager beim jetzigen Audi-Chef Markus Duesmann (früher BMW) beschäftigt. „Der 47-jährige Henrik Wenders dockt nun bei Audi als Senior Vice President der Marke Audi an.“9

Munich Re versichert industrielle Batteriespeicher. Die sehr teuren Großspeicher werden von Munich Re in der Funktion als Erstversicherer abgesichert. So stellte der Feldkirchener Hersteller SmartPower seit 2014 etwa 20 große Batteriespeicheranlagen her und sieht durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien einen steigenden Bedarf. Munich Re ist bereits führend bei Leistungsgarantieversicherungen für Photovoltaikzellen.10

Kaum E-Dienstwagen. Derzeit werden nur rund ein Drittel der Autoproduktion an Privatkunden verkauft: zwei Drittel sind Dienstwagen. Und davon fahren die wenigsten elektrisch – und wenn, dann als Plug-in-Hybride. Flottenmanager sprechen sofort vom Problem der „Ladeinfrastruktur“ – und vom Kostenproblem. E-Autos sind teurer, und drei Schnellladesäulen auf dem Firmengelände kosten schnell über 100.000 Euro.11

VDA: Förderungen gefordert. Am 5.5.2020 werden sich die Vertreter des VDA und Angela Merkel mittels Telefonkonferenz über die Folgen der Corona-Pandemie auseinandersetzen. Eine neue „Abwrackprämie“ wird gefordert, um die Autoproduktion hochfahren und verkaufen zu können. Elektroautos sollen noch stärker gefördert werden. „Doch der Absatz von Elektroautos lässt sich kaum noch zusätzlich unterstützen, er wird schon heute mit bis zu 6000 Euro pro Fahrzeug subventioniert. Eine Erhöhung macht aus Sinn der Autoindustrie keinen Sinn, weil die Konzerne derzeit gar nicht in der Lage wären, Stromer in größeren Stückzahlen herzustellen.“12 Dazu schleppen die Plug-in-Hybride noch viele Kilos an Batterien und Elektromotor mit – und brauchen deswegen oft mehr Kraftstoff als reine Verbrenner. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Fuhrparkmanagement, Axel Schäfer, hält deswegen den Hybrid-Steuerbonus für „eine fatale Fehlentscheidung, die rückgängig gemacht werden müsste‘.“11

Arme Autoindustrie: Hofreiter will helfen. Bei einem digitalen Fachgespräch „Autoindustrie in Corona- und Klimakrise“ stand der Grünen-Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter der Autoindustrie zur Seite: „Wir müssen überlegen, wie wir der Autoindustrie bei ihrer Transformation helfen.“13 Dagegen äußerte Michael Müller-Görnert vom VCD, man müsse auch an die über 20 Prozent der Haushalte denken, die gar kein Auto hätten und forderte ein „Startgeld grüne Mobilität“ für Carsharing, Mietfahrräder oder Monatskarten für den ÖPNV.13

Von der DTM zur Formel E. Ende 2018 zog sich Mercedes nach 30 Jahren aus der DTM zurück, um in der Formel E einzusteigen. Nun hat auch Audi angekündigt, die DTM zum Ende 2020 zu verlassen und sich in der Formel E zu engagieren. – auch vor den wirtschaftlichen Herausforderungen durch die Corona-Pandemie. Audi will 2025 rund 40 Prozent seines Umsatzes mit Elektroautos und Plug-in-Hybriden gerieren. Deshalb „sieht man die Zukunft nun eben vor allem in der Formel E, wo die Marke seit Beginn der Serie 2014 startet.“14

Fußnoten und Quellen:
  1. DPA, Elektroauto-Rekord, in SZ 3.4.2020 []
  2. Auto-Start-up e.GO rettet sich unter Schutzschirm, in SZ 3.4.2020 []
  3. Die Trump-Regierung senkt Emissionsgrenzwerte für Autos – und bekommt Gegenwind aus der Autoindustrie, in spiegel.de 3.4.2020 [] []
  4. Tesla übertrifft Erwartungen beim Quartalsabsatz, in spiegel.de 3.4.2020 []
  5. Coronakrise: Weil will Autohersteller mit Öko-Abwrackprämie stärken, in spiegel.de 14.4.2020 []
  6. Tesla Aktie Kursrallye: Elon Musk als Profiteur der Corona-Krise, in manager-magazin.de 14.4.2020 []
  7. Dena, Prognos, Privates Ladeinfrastrukturpotenzial in Deutschland, Berlin 04/2020, S. 27; vgl. auch: Bauchmüller, Michael, Dosenmangel, in SZ 15.4.2020 []
  8. Dena, Prognos, Privates Ladeinfrastrukturpotenzial in Deutschland, Berlin 04/2020, S. 20 []
  9. Eckl-Dorna, Wilfried, Neuer Audi-Chef Duesmann formiert sein Krisen-Team, in manager-magazin.de 2.4.2020 []
  10. Tauber, Jonas, Policen für die Zellen, in SZ 24.2020 []
  11. Kunkel, Christina, Reis, Saskia, Ladehemmung, in SZ 28.4.2020 [] []
  12. Dohmen, Frank u. a., Der Faktor Mensch, in Der Spiegel 18/25.4.2020)

    Unsinnige Förderung von PHEV. Die Subvention für reine Elektroautos mit dem halben Steuersatz gilt auch für Plug-in-Hybride. Für sie gilt oft auch eine halb so hohe Leasingrate wie für reine Elektroautos: und das bei einer elektrischen Reichweite von 30 bis 60 Kilometer, die oft genug gar nicht genutzt wird. „Die Geschichten von Plug-in-Hybriden, die aus dem Leasing zurückkommen und bei denen das Ladekabel unausgepackt im Kofferraum liegt, bestätigen viele Flottenmanager.“ ((Kunkel, Christina, Reis, Saskia, Ladehemmung, in SZ 28.4.2020 []

  13. Hage, Simon, So einig sind sich Grüne und Autoindustrie selten, in spiegel.de 29.4.2020 [] []
  14. Dreher, Anna, Lane Reihe von Abschiedsbildern, in SZ 29.4.2020 []
von wz
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