Elektroauto Chronik eines Irrtums

Elektroauto und Feinstaub

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Definition. Als Feinstaub gelten Partikel, die kleiner als zehn Mikrometer sind (PM10). Seit 2008 werden Staubkörner unter 2,5 Mikrometer (PM2,5) unterschieden, und inzwischen bezeichnet man als “Ultrafeinstaub” (UFP) Partikel unter 1 Mikrogramm. Die Gefährlichkeit hängt von der Größe ab: Je kleiner die Feinstaub-Partikel sind, umso weiter dringen sie in Körperorgane wie die Lunge vor.
Die Feinstaubbelastung durch den Autoverkehr ist ein seit langem bekanntes Phänomen: Sie entsteht vor allem durch Abgasemissionen, Bremsanlagen, den Abrieb von Reifen und Straßenbelag und Verwirbelungen von Straßenstaub. (Zur Zusammenstellung der Feinstaub-Belastung des Umweltbundesamtes: hier)
Im Jahr 2000 stellte Peugeot den ersten Dieselrußfilter vor. Wurden bei Dieselfahrzeugen ab 2010 Partikelfilter Pflicht, gibt es für Benziner überhaupt erst ab 2017 Grenzwerte. Dabei entstehen gerade durch die sparsamen Benziner mit Direkteinspritzung große Mengen an Feinstäuben.Und erst seit September 2018 gilt die Feinstaubgrenze für neu zugelassene Benziner mit Direkteinspritzung. (Zur NGO-Chronologie der Rußfilter-Blockade: hier.)

Das Beispiel Stuttgart. „Seit 17. Januar (2017; WZ) wird hier der Grenzwert für die Feinstaubbelastung der Luft regelmäßig überschritten, an manchen Tagen sogar um mehr als das Dreifache. An bisher 29 Tagen dieses Jahres bestand bereits Feinstaubalarm, und die Autofahrer wurden aufgefordert, auf Busse und Bahnen umzusteigen. Geändert hat sich aber nichts. Werte um 80 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft sind an den Messstationen der Innenstadt noch immer die Regel. Erlaubt sind täglich höchstens 50 Mikrogramm. (…) Neueste Messresultate der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) zeigen nämlich: Nicht die Dieselabgase sind der Hauptverursacher der hohen Feinstaubbelastung. Stattdessen hat die LUBW ‚Aufwirbelungen und Abriebprozesse‘ ausgemacht, die ‚eine wesentliche Rolle‘ spielen. Den Messungen zufolge entsteht der verkehrsbedingte Feinstaub der Partikelgröße PM10 (bis zehn Mikrometer Durchmesser) zu rund 85 Prozent durch Reifen-, Bremsen- und Straßenabrieb sowie durch die Aufwirbelung der Staubschicht auf den Fahrbahnen.“1
Am berüchtigten Messpunkt am Stuttgarter Neckartor werden seit Jahren die höchsten Staubkonzentrationen gemessen. Das LUBW stellte aber fest dass pro Kubikmeter Luft nur 1,9 Mikrogramm Feinstaub aus den Autoauspuffrohren kommt, aber 11,9 Mikrogramm durch Abrieb und Aufwirbelungen verursacht werden. “Mit anderen Worten: Selbst wenn nur abgasfreie Elektroautos durch die Stadt führen, änderte sich kaum etwas an der Feinstaubbelastung der Atemluft. ‚Den Abrieb von Bremsen, Reifen und die Wiederaufwirbelung gibt es beim E-Auto genauso wie bei Autos mit Verbrennungsmotor‘, erklärte Dekra-Fachmann Clemens Klinke kürzlich das Phänomen und resümierte: ‚Gegen den Feinstaub bringt das Elektroauto nicht allzu viel.‘ (…) 44 Prozent aller innerstädtischen PM10-Partikel, die am Neckartor gemessen werden, sind auf den Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch die Aufwirbelung des Staubs zurückzuführen.“1

Feinstaub-Quellen. „Nicht die Motoren, sondern die Bremsen und Reifen unserer Autos sind die größten PM10-Feinstaubquellen. Das bestätigen auch die Messergebnisse der zweiten Feinstaubsorte PM2,5, deren Partikel – kleiner als 2,5 Mikrometer – vor allem im Abgas der Autos festgestellt werden. Diesen besonders winzigen Feinstaub misst die LUBW an 22 Messstationen in Baden-Württemberg, sie hat dort aber laut Pressesprecherin Tatjana Erkert ‚seit Jahren keine Überschreitungen der Werte‘ registriert. Die Benzin- und Dieselmotoren sind also in puncto Feinstaub offenbar umweltfreundlicher als ihr Ruf. Was fehlt, sind bessere, also abriebfestere Reifen und Bremsbeläge. Allein der Staub von den Bremsen macht rund ein Fünftel der verkehrsbedingten Feinstaubemissionen in den Städten aus, wie eine Untersuchung der Schweizer Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa ergab. Zusammen mit dem Verschleiß der Reifen, die pro Auto mit jedem Kilometer im Schnitt rund 0,1 Gramm Partikel freisetzen, ergibt sich hierzulande eine Gesamtmenge von jährlich weit über 111.400 Tonnen Abrieb, der durch die Atemluft wirbelt und sich auf den Straßen ablagert. Das fand die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) heraus.“1

Möglichkeiten zur Absenkung. „Deshalb raten Umweltexperten Autofahrern, beim Reifenkauf mehr denn je auf den Verschleißfaktor zu achten, den Automobilclubs oder Verbraucherschutzorganisationen in unabhängigen Tests messen. Und bei den Bremsen zeigt Continental längst, dass es auch staubfreier geht: Schon vor einigen Jahren brachte die Conti-Tochter ATE den Bremsbelag ATE Ceramic auf den Markt, bei dem die Staubpartikel nicht freigesetzt, sondern in einer hauchdünnen Schicht auf den Bremsschreiben angesammelt werden. ATE wirbt: ‚Weniger Staub bedeutet weniger Belastung für die Umwelt. Auch darum sind unsere abriebarmen Bremsbeläge eine echte Bereicherung.‘ Allerdings ist der Anti-Staub-Belag noch nicht für alle Automodelle lieferbar. Neben den Reifen und Bremsen spielt offenbar aber auch der marode Zustand vieler Straßen eine wichtige Rolle bei den Feinstaubemissionen. ‚Sind die Fahrbahnbeläge intakt, fallen die Emissionen aus direktem Straßenabrieb gering aus. Schadhafte Beläge jedoch können zu recht hohen Feinstaubemissionen führen‘, stellte die Empa in ihren Untersuchungen fest. Die Schweizer Forscher empfehlen zudem, die Straßen regelmäßig zu reinigen, um das Aufwirbeln des Feinstaubs zu vermindern.“1

Elektroauto hilft nur bedingt gegen Feinstaub. “Tatsache ist, dass die besonders gefährlichen Emissionen, nämlich Feinstaub, auch beim Betrieb von Elektrofahrzeugen lokal entstehen. Der aufgrund der aktuellen Debatten um den Dieselmotor sehr gut untersuchte Straßenquerschnitt am Neckartor in Stuttgart, wo die Feinstäube bis zurück zur Quelle analysiert wurden, zeigt z. B., dass mindestens 85% der emittierten Feinstäube der Größe PM 10 nicht aus den Motoren kommen. Es handelt sich auch hier um eine sehr komplexe Problematik. Entsprechende Ergebnisse der Messungen der Landesanstalt für Umwelt- und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) finden sich stets aktualisiert auf der Internetseite der Landesanstalt. Eine gute Zusammenfassung der Erkenntnisse liefert ein Artikel von Christof Vieweg.“2 – „Selbst beim Feinstaub schneidet der Stromer kaum besser ab als der Diesel; der meiste Schadstoff entsteht durch den Abrieb von Reifen und Bremsen, darauf kann selbst ein E-Auto nicht verzichten.“3

Fußnoten und Quellen:
  1. Vieweg, Christof, Die Motoren sind nicht das Problem, in zeit.de 17.2.2017 [] [] [] []
  2. Gruppe emeritierter Verkehrsprofessoren Deutschlands und Österreichs Elektromobilität: Macht der Wandel des Fahrzeugantriebs den Verkehr umweltfreundlich?, Berlin/Wien, 14.11.2017; Weblink: https://www.researchgate.net/publication/321708137_Gruppe_emeritierter_Verkehrsprofessoren_Deutschlands_
    und_Osterreichs_Elektromobilitat_Macht_der_Wandel_des_Fahrzeugantriebs_den_Verkehr_umweltfreundlich
    []
  3. Student, Dietmar, Öko-Lügen und andere bittere Wahrheiten, in manager-magazin.de 9.12.2017 []
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